Autor Thema: Begabt und sensibel - wohin kann das führen?  (Gelesen 3784 mal)

Gänseblümchen

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Begabt und sensibel - wohin kann das führen?
« am: Februar 03, 2014, 23:29:50 Nachmittag »
 p) Hallo zusammen.

Ich habe gerade durch puren Zufall das Forum entdeckt - und war froh über die Möglichkeit, hier einfach mal ohne Anmeldung reinzublinzeln... Vllt. folgt eine "richtige" Anmeldung auch später noch.

Zunächst ganz kurz zu mir: ich bin 19, weiß seit zwei Jahren, dass ich hochbegabt + hochsensibel bin und seit einem Jahr bin ich auch Mensa-Mitglied (ohne Wertung - der Verein hat Vor- und Nachteile...). Die Schule habe ich "abgebrochen", ein halbes Jahr vor meinem IQ-Test, ich habe es weder emotional, noch intelektuell leisten können. Emotional war ich absolut überfordert (ich habe dort ziemlich viel Übles mitansehen müssen, was viele "Normale" (ich mag den Begriff nicht, mir fiel nur gerade nichts Treffenderes ein) wohl nicht störte, mich hingegen sehr), intelektuell absolut unterfordert. Beides zusammen ergab bei mir einen psychosomatischen Cocktail, dem ich nicht länger habe standhalten können. Inzwischen mache ich ein Fernstudium, wo immerhin die emotionale Seite eine sehr geringe Rolle spielt.

Aber zurück zu meinem Problem: ich habe sehr mit Zukunftsängsten zu kämpfen. Durch eine Trennung der Eltern, ein paar anderen Erlebnissen und die Schulzeit trage ich Symptome einer "Posttraumatischen Belastungsstörung" mit mir herum (Flashbacks, Schlafstörungen, Kreislaufstörungen in best. Situationen, etc.) und kämpfe nebenbei immer noch damit, als junge Frau Hochbegabung ruhigen Gewissens leben zu dürfen, von meiner Sensibilität noch zu schweigen... Ich bezweifle sehr stark, jemals "herkömmlichen" Arbeiten nachgehen zu können, an einer öffentlichen Uni zu studieren, etc. Durch meine HS (Hochsensibilität - ich kürz das mal so ab) bin ich sehr schnell erschöpft, fühle stark mit anderen mit und nicht selten haut mich ein Erlebnis oder eine emotionale Schwierigkeit auch einfach mal um (siehe auch die Situation in der Schule -> Psychosomatik) und ich brauche dann viel Ruhe und Zeit, um zu mir zurückzufinden. Auf der anderen Seite möchte meine Hochbegabung aber auch was vom Leben haben, Neues lernen, Dinge entdecken, Menschen kennenlernen, etc. Durch das Fernstudium kann ich das alles noch halbwegs vereinbaren; ich erhalte Unterhalt und verreise hin und wieder allein für ein paar Tage, besuche Mensa-Veranstaltungen oder betreue Jugendgruppen auf Fernfahrten (aber: alles zeitlich begrenzt; hinterher bin ich auch häufig einfach erledigt und mag zwei Wochen lang erstmal lieber für mich / in Familie & sehr nahem Freundeskreis sein).
Nun frage ich mich unwillkürlich, wie das nach meinem Fernstudium (übrigens: ich "studiere" das Abitur, nennt sich einfach so und funktioniert genauso wie ein herkömmliches Fernstudium) weitergehen soll. Mal davon abgesehen, dass ich nicht weiß, welches Fach ich überhaupt studieren möchte, wüsste ich nicht, welchen Beruf ich in dieser Situation ergreifen könnte bzw. welche Branche Verständnis für jemanden haben kann, der so "tickt" wie ich. (Viele Bekannte können schon von vornherein nicht recht nachvollziehen, wer oder was ich eigentlich bin. Aber das ist für mich in Ordnung. Es gibt Menschen, die mich so respektieren, wie ich bin und damit ist das kein Drama.) Zwar denke ich, dass ich rein theoretisch etwas zu dieser Gesellschaft "beitragen" kann - eben dadurch, dass ich sehr feinfühlig wahrnehme und generell im emotionalen Bereich eine sehr gute Auffassungsgabe habe, aber in welchem Beruf nutzt einem das wirklich?
Als für mich selbst erfüllend empfunden habe ich bisher das literarische Schreiben - nur stellt sich auch hier wieder die Frage: wer verlegt das, will das wirklich gelesen werden, kann man damit genug Geld verdienen, etc.

Was ich mir von diesem Forum erhoffe ist keinesfalls irgendeine Patentlösung. Ich würde mich nur wirklich sehr freuen, wenn mir vielleicht jemand einen Tipp geben kann, wo ich Menschen finde, die womöglich ähnliche Probleme haben wie ich, zum Austausch von Erfahrungen und Ideen. Auch sehr helfen würde mir eine "Anlaufstelle", an die ich mich vielleicht wenden kann. (Von der Mensa-Mitgliedschaft habe ich mir so etwas versprochen - aber natürlich gibt es auch dort "so'ne und solche", und nicht selten Menschen, deren Sensibilität einfach nicht so ausgeprägt ist, was nicht zwangsläufig "schlimm" oder irgend ein "Mangel" ist, mir nur leider gerade einfach nicht weiterhilft.) Aus gewissen Kindheitserlebnissen heraus ist bei mir eine starke Abneigung zu Psychologen sämtlicher Art entstanden, aber vielleicht kennt ja jemand eine gute Alternative, die weniger ... analytisch oder "helferneurotisch" daherkommt. Oder vielleicht möchte der ein oder andere auch was ganz anderes loswerden, das ist natürlich auch willkommen.  :)

Vielen Dank an dieser Stelle... Ist ein wirklich tolles Forum hier. Habe mich selbst in den vielen Berichten über Probleme von hochbegabten Schulkindern wiederfinden können...

Offline kama

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Re: Begabt und sensibel - wohin kann das führen?
« Antwort #1 am: Februar 04, 2014, 09:42:51 Vormittag »
Hallo Gänseblümchen,

was Du beschreibst erinnert mich an meinen Arbeitskollegen, der mal verzweifelt sinngemäss zitierte:

Warum sind sich die sehr intelligenten immer so unsicher und warum die anderen immer so sicher.

Eine Kombination aus Hochbegabung und Hochsensibilität stelle ich mir als eine schwere Mischung vor - du weisst zu viel und spürst das auch noch intensiv. Es reicht eine Begabung, um in der Gesellschaft zu verzweifeln. Mit zweien wird es nicht einfacher. Da könnte ich Dir jetzt auch weiss der Geier was alles erzählen, aber ich bin dann vermutlich ein Blinder, dessen Worte du dank Deiner schnellen Auffassungsgabe schnell auseinandernehmen kannst. Ich gehe mal davon aus, dass dies auch Deine Distanz zu Psychologen begründet.

Aber eines kann ich Dir doch sagen: eine schnelle Auffassungsgabe wird in fast allen Berufen gefordert und geschätzt. Sie ist eigentlich sehr hilfreich - allerdings sollte man Geduld haben, wenn nicht immer alle das Tempo mitgehen können. Die Hochbegabten sind wohl zur ständigen Rücksichtnahme verdammt  ;)

Und einen Tipp vielleicht noch: Versuche den Verstand zu nutzen, um dir eine emotionale Distanz und ein dickes Fell zuzulegen. Schütze Dich und definiere für dich klare Grenzen, wen Du wie weit an Dich heranlässt.

Helleboru

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Re: Begabt und sensibel - wohin kann das führen?
« Antwort #2 am: Februar 04, 2014, 20:28:52 Nachmittag »
Hallo Gänseblümchen,

so wie du es schreibst, möchtest du schon gerne Therapeutische Hilfe haben aber mistraust dem ganzen einfach. Hast du schonmal über einen auf hochbegabte und hochsensible spzialisierten Therapeuten nachgedacht? Die bieten oft eher ein coching anstatt eine Therapie an!

Lg

Offline Anekdote

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Re: Begabt und sensibel - wohin kann das führen?
« Antwort #3 am: Februar 05, 2014, 09:41:46 Vormittag »
Hallo Gänseblümchen,

du hast eigentlich den falschen Nick. Ein Gänseblümchen ist denke ich sehr robust. Doch du bist schon fündig geworden. Ich kann dich gut verstehen, ich empfinde meine Umwelt ähnlich anstrengend. Das war zwar in deinem Alter längst nicht so extrem, wie du es beschreibst. Doch weiß ich heute, wenn ich mehr nach innen geschaut hätte, könnte es mir deutlich besser gehen.

Und ich finde es ganz ganz schwierig, im privaten Umfeld Menschen zu entdecken, die ähnlich denken und empfinden. Wenn ich überlege, wer in meinem Umfeld ähnlich sensibel ist wie ich, ich finde keine Antwort. Ich habe das Gefühl kein Mensch kann das wirklich verstehen.

Doch eigentlich sind deutlich mehr Menschen hochsensibel, als hochbegabt. Die Mischung aus beiden spitzt die Situation denke ich für Menschen wie dich noch deutlich zu. Bist du auf Facebook angemeldet? Dann klingele mal an bei der Gruppe "bunte Zebras". Das ist eine Gruppe aus hochbegabten und hochsensiblen Menschen.

Ansonsten bin ich sehr zuversichtlich, dass du ähnlich tickende Menschen entdeckst, wenn du irgendwann mal nicht mehr fern studierst. Wie läuft es denn beim Abi? Ich bin auch gerade dabei und stehe kurz vor dem Abschluss, allerdings nicht ganz per Fernstudium, sondern noch mit zwei Präsenztagen in der Woche.

Deine Gaben sind keinesfalls unbrauchbar im Berufsleben. In allen Berufen, die sich mit dem Menschen selbst befassen, kann dir das zugute Kommen. Da würde Soziales, Medizinisches, Psychologisches und Philosophisches gleichfalls gut passen, finde ich. Wichtig ist deine innere Einstellung dazu. Sieh es als Gabe, nicht als Last.

LG
A.



PS. Danke auch für dein Lob für das Forum. Ich reiche es gerne weiter in die Gemeinschaft. :)
« Letzte Änderung: Februar 05, 2014, 09:44:25 Vormittag von Anekdote »
Liebe Grüße
Anekdote


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Offline thinking

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Re: Begabt und sensibel - wohin kann das führen?
« Antwort #4 am: Februar 26, 2014, 06:38:15 Vormittag »
Hallo,

Ja, auch ich bin ein hochsensibler Mensch. Leider habe ich noch keinen Test gemacht, der mir meine Frage beantwortet,  ob ich. Hochbegabt bin. Ich konnte mich Gott sei Dank noch durch die Schule durchboxen. Ich habe auch versucht zu lernen,  aber durch den emotionalen Druck, hatte ich eine Lernblockade. Ich habe mich notgedrungen durchs neunte Schuljahr geschleift, damit ich wenigstens einen Hauptschulabschluss habe und ich nicht ohne etwas da ist. Das habe ich. Mit durchschnittlichen bis überdurchschnittlichen Zensuren geschafft,  auch ohne lernen.  Aber ich weiß,  ich kann mehr, als wie es auf dem Zeugnis steht.  Die Hauptschule ist wirklich sehr leicht für mich gewesen und vorallem langweilig.  Der Stundenplan ist nicht individuell. Es wird nur eine Fremdsprache unterrichtet und der Stoff ist nicht umfassend. Es ist nur oberflächliches, nichts tiefgründiges.
Man sollte dieses hohe Maß an Sensibilität für sich nutzen.  Schulversagen, macht noch lange keinen Versager und ich bin froh,  wenn ich mit Schule gar nichts mehr am Hut habe. Mein Abitur, werde ich nachholen.  Bildung ist schließlich schon was von Wert.
Nutze die Vorteile,  die du dadurch hast.

Lg Think

Offline Anekdote

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Re: Begabt und sensibel - wohin kann das führen?
« Antwort #5 am: Februar 28, 2014, 20:42:54 Nachmittag »
Hallo Think,

würdest du gerne einen Test machen? Dann schau mal bei Mensa. Die sind regelmäßig in den großen Städten. Manchmal verlosen die auch Teilnahmemöglichkeiten oder ein Mitglied könnte dir einen Gutschein geben. Dafür müsstest du vorher auf eines der auch Nichtmitgliedern offenen Treffen gehen oder du kennst bereits ein Mensamitglied. Ohne Gutschein kostet die Teilnahme 49 Euro.

LG A.
« Letzte Änderung: Februar 28, 2014, 20:44:50 Nachmittag von Anekdote »
Liebe Grüße
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Re: Begabt und sensibel - wohin kann das führen?
« Antwort #6 am: März 07, 2014, 11:36:39 Vormittag »
Ich habe gedacht ich mache das bei einem Psychologen.  Da ist das einfach umfassender und besser auf mich abgestimmt.  Aber bei Mensa habe ich auch schon mal diesen kleinen Mensatest auf deren Homepage gemacht.  Ich habe 25 von 33 Punkten erreicht.

Dankeschön ;D
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Re: Begabt und sensibel - wohin kann das führen?
« Antwort #7 am: Mai 03, 2014, 00:37:18 Vormittag »
Hallo,

Ja, das kenne ich auch sehr gut.  Eine Anlaufstelle kann ich dir leider nicht geben. Mir ergeht es ähnlich wie dir, denn ich bin ebenfalls sehr sensibel und feinfühlig.  Mir entgeht nichts.  Die Körpersprache erzählt viel und mich macht es oft traurig,  wie die Menschen reagieren. Sie können mit meiner Kritik nicht umgehen und sie nicht verstehen. In meiner Vergangenheit,  habe ich auch schon so vielea erlebt, was nicht gerade einfach war. Zwar wurde ich immer klein gemacht,  aber ich passte nie in ihr Klischee. Sich Ruhe zu gönnen ist wichtig,  wenn du es brauchst solltest du dir die Zeit nehmen. Wenn mal so etwas passiert und du bist auf der Arbeit,  dann sagst du dem Menschen,  du brauchst gerade mal etwas Zeit und Ruhe für dich. Das geht natürlich auch in anderen Situationen,  aber auch nicht immer. Für mich war es nicht gut,  wenn ich einfach weiter gemacht habe. Mein Tipp, gehe es
langsam an. Arbeite dich immer mehr hoch.  Vielleicht können wir ja mal in Kontakt kommen.

Lg Think