Autor Thema: Hochbegabt? Test mit 16 noch sinnvoll?  (Gelesen 2605 mal)

Blackjack

  • Gast
Hochbegabt? Test mit 16 noch sinnvoll?
« am: November 24, 2013, 20:38:56 Nachmittag »
Hallo,
Irgendwie bin ich hier gelandet, weiß aber noch nicht so genau, ob ich hier richtig bin. Also erstmal zu mir: Ich bin (fast) 18 und Studentin. Es geht aber hier eigentlich nicht um mich, sondern um meinen Bruder. Er ist 16 und hat schon seid längerem Probleme in der Schule. Jetzt ist er in der 11 Klasse Gymnasium. Wir (meine Mutter und ich) haben schon Vieles versucht, und vermutet, allerdings werden wir nicht so ganz schlau aus ihm.
Mein Bruder war eigentlich ein guter Grundschüler, allerdings hat er nie gelernt. Als Kind hat er sich aber immer für Dinge interessiert, die nicht ganz altersgemäß waren. hauptsächlich philosophische und religiöse Themen. Allerdings spielt er auch gern Fußball, hatte damals eigentlich nie Probleme mit anderen Kindern. Als er dann aufs Gymnasium gekommen ist hatte er etwas schlechtere Noten, sonst schien es ihm gut zu gefallen.Probleme hatte er nur wegen seiner unordentlichen Schrift und den vielen Rechtschreibfehlern. Als er in der 6ten Klasse war wurde bei im Legasthenie diagnostiziert. Die damals behandelnde Ärztin diagnostizierte ungefragt und ohne weitere Untersuchungen zu machen auch ADHS mit. Meine Mutter wollte eigentlich nur das Legasthenie Attest nach besprechen, im gleichen Gespräch wurde ihr gesagt mein Bruder hätte ADHS und er müsse dagegen Tabletten nehmen. Wenn er die nicht nähme würde er die Schule nie schaffen. Meine Mutter war verständlicherweise geschockt. Sie wollte weiter nachfragen, wurde allerdings abgeblockt. Sie hat meinem Bruder die Tabletten dann nicht gegeben, weil sie keinerlei Veränderung in seinem Verhalten feststellen konnte, wen er welche eingenommen hatte. Er selbst spürte auch keinerlei Veränderung. Mit dem Legasthenie-test wurde auch ein Intelligenz Test gemacht (HAWIK III, wenn ich mich nicht irre), dazu verlor die Dame allerdings fast kein Wort, nur dass er wohl überdurchschnittlich begabt sein, gerade im mathematisch logischen Bereich.
Mit dieser Erfahrung war das Thema Psychiater oder Psychologe erstmal durch. Ab ca. der 7ten oder 8ten Klasse bekam er allerdings immer mehr Probleme. Mit dem Legasthenie-Attest fiel es meinem Bruder zwar leichter und man konnte an diesem Problem gezielt arbeiten, allerdings fiel uns immer wieder auf, dass er gerade in den Naturwissenschaftliche Fächern (Mathematik, Physik, Chemie, Biologie) Schwierigkeiten hatte. Allerdings hat ja jeder seine Lieblingsfächer. Nun ist es aber so, dass er nicht etwa den Stoff nicht versteht, sonder dass er immer zu kompliziert denkt. Er kommt immer auf einen anderen Lösungsweg, weil er Dinge in seine Überlegungen mit einbezieht, die mir beispielsweise nicht auffallen. Oft versteht man, wenn man mit ihm übt dann dein Problem nicht (ich vermute seinen Lehrern geht es genauso), was zu Frust auf beiden Seiten führt. Frust ist überhaupt ein gutes Stichwort. Er ist sehr ehrgeizig, will alles können und ist ungeduldig mit sich selbst, wenn er etwas nicht gleich kann.
Wir haben lange gerätselt, was sein Problem sein könnte. Seine Lehrer sagen immer das gleiche : "Sie sehen kein Problem, er müsse mehr lernen" (die Naturwissenschaftler) oder aber "sie sähen kein Problem, er wäre ein aufgeweckter Schüler, beteilige sich gut am Unterricht und käme gut mit " (alle anderen) Allerdings tut er das schon. (also das lernen) Nur weiß er auch nicht wie. Er hat halt nie gelernt zu lernen, weil er das in den unteren Klassen nie musste. In den Oberen hat er es dann zwar versucht, allerdings nicht wirklich hinbekommen. Wir haben auch schon gemeinsam gelernt, das hat dann zwar geholfen, allerdings auch nur kurzfristig. Weder meine Mutter noch ich können ständig neben ihm sitzen und seine Fragen beantworten. (mal ganz abgesehen davon, dass es mir teilweise schwer fällt, weil er Dinge fragt, die ich nicht beantworten kann, auch wenn ich nicht schlecht in den betreffenden Fächern war, weil ich mir nie darüber Gedanken gemacht habe.)
Da macht man sich natürlich Gedanken darüber, was da nicht stimmt. Gerade, weil es ja auch die Aussage der damaligen Psychiaterin gab. Kurz gesagt:  hb?
Kann das sein? Es gibt ja hochbegabte "underachiever" ...Wir haben uns informiert und viele der Merkmale, mit denen Hochbegabte beschrieben werden treffen auf ihn zu bzw. wenn es sich um Beschreibungen von Hochbegabten Kindern handelt dann trifft das auf ihn als Kind zu. Meinen wir jedenfalls...
Allerdings kann man sich ja auch vieles einreden? Hochbegabung ist etwas, was ich persönlich mir nie wünschen würde, auch für ihn nicht, aber es wäre ein Ansatz. Wenn es denn stimmt. Aber ist ein Test in diesem Alter Überhaupt noch sinnvoll und wie geht es danach weiter? Gibt es sowas wie spezielle Trainings "Wie lerne ich Lernen"? Wie wäre das in der Schule? Gibt es da jetzt noch Fördermöglichkeiten? Haltet ihr Hochbegabung für möglich?
Schon mal Vielen Dank fürs Lesen.
PS. Wer Rechtschreibfehler findet darf sie behalten

Samyeli

  • Gast
Re: Hochbegabt? Test mit 16 noch sinnvoll?
« Antwort #1 am: November 25, 2013, 12:27:00 Nachmittag »
Hallo Blackjack,

erstmal ein herzliches Willkommen.

Zu deinem Bruder: natürlich kann man jetzt noch einen Test machen, die Frage ist: Was bringt es euch? Was würde sich ändern, wenn ihr bzw. auch dein Bruder wüsstet, dass er hochbegabt ist. In der Schule würde sich wohl kaum etwas ändern, außer man setzt sich mit allen Lehrern zusammen und versucht jetzt noch entsprechende Änderungen zu finden die auch Sinn machen. Da müssen aber vor allem die Lehrer auch gewillt sein das anzunehmen. Das ist bei kleinen Kindern schon schwierig, in seinem Alter - fraglich. Ansonsten weiß dein Bruder dann halt sicher, dass er auch lt. Zahlen & Testergebnis hochbegabt ist, aber frustriert wäre er dann immer noch, wenn es nicht so geht wie er sich das vorstellt.

Dein Bruder steckt gerade mitten in der Pubertät. Da ist es ja, wie du selber sicher noch weißt, doppelt schwierig. Er scheint ja halbwegs gute Noten heimzubringen und die Schule grundsätzlich zu packen oder? Habe ich da was falsch verstanden?

Bezüglich ADHS: Ich hege schon seit längerem einen Groll gegen diese Diagnose. Es hat sich gezeigt, dass diese nämlich sehr vorschnell zur "Lösung aller Probleme" herangezogen wird. Das ist ja auch sehr praktisch: Das Kind ist erstmal krank - das entschuldigt viel vom Verhalten und die Eltern haben eine praktische Ausrede (die Lehrer übrigens auch). Dann gibt es halt mal Drogen, damit man die Kinder ruhigstellt - das stellt, ohne das beiderseitige Verhalten hinterfragen zu müssen, die Harmonie wieder her. Weiter braucht man dann mal nichts zu machen und man wartet ab, bis die Kinder sich nach der Pubertät "einkriegen". Dann sind sie eh aus dem Haus. Ich finde es super, dass deine Mama da nicht mitgespielt hat und dein Bruder kein Ritalin oder ähnliches nimmt. Ich kenne ca. 10 ADHS-Kinder: 4 davon kommen aus problematischen Familien mit Scheidung, wenig Halt und Müttern, die verzweifelt versuchen, ihr Leben in den Griff zu kriegen indem sie ihren (jungen!) Kindern eine Teilverantwortung aufhalsen die sie nicht tragen können und sollen. 3 davon sind ziemlich schlaue Kerlchen die, meines Erachtens nach, den Kasperl machen damit man ihnen zuhört und sich mit ihnen beschäftigt. 2 sind einfach unerzogen und stecken in der Kleinkindphase fest. Das ist ja lange süß aber bei einem 8jährigen ist das Verhalten eines 2jährigen halt nicht mehr nur lustig und herzig. 1 Kind litt bei der Geburt an Sauerstoffmangel und hat tatsächlich ein Problem - das ist das einzige Kind, bei dem ich diese Diagnose evt. noch gelten lasse. Das war aber auch der Einzige, bei dem die Diagnose dieser Krankheit mehrere Monate gedauert hat und nicht 1 Besuch beim Psychologen.

Es gibt, zumindest hier in Österreich, Nachhilfeinstitute die immer wieder mal Seminare zum Thema "Lernen lernen" anbieten. In diesem Fall evt. auch sinnvoll wäre ein Lerncoach. Das ist kein Nachhilfelehrer im eigentlichen Sinn sondern ein speziell ausgebildeter Coach, der Techniken zum Lernen vorstellt. Je nach Gegenstand wird dann, gemeinsam mit dem Schüler, ein Konzept erarbeitet, wie der Stoff am besten aufgenommen wird (z.B. Vokabelkarten, Zusammenfassungen, Aufnehmen des Stoffes auf Tonträger und laufend anhören,....). Vielleicht wäre das die bessere Lösung.

Ich wünsche euch alles alles Gute

LG Samy

Offline Anekdote

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Re: Hochbegabt? Test mit 16 noch sinnvoll?
« Antwort #2 am: November 25, 2013, 14:30:36 Nachmittag »
Hallo blacky ;)
wow, du kniest dich ja hinein, um deinem Bruder zu helfen.  Klar kann man ihn testen lassen, aber bitte nicht irgendwo.  Theoretisch könnte er schon bei Mensa einen Test machen.
Doch bei einem auf HB spezialisierten Psychologen ist es sicher besser, weil da bekommt ihr eine qualifizierte Beratung und Auswertung.

Und ja, man muss wissen, was man danach ändern kann. Ich bin allerdings nicht der Meinung, dass unmöglich ist, noch etwas zu erreichen an der Schule.
Vielmehr hat er ja bald Vieles auch selbst in der Hand durch Wahl der entsprechenden Kurse.
Und dann kann er ja auch die Herangehensweise an seine Aufgaben selbst bestimmen. Arbeitet er auf dem geforderten Level oder hängt er sich mehr rein.

Vlt bringt ihm ein Test auch ein Stück Selbstbewusstsein zurück und verhilft ihm zu neuem Antrieb. Aber bitte nicht zu streng auf die Marke 130 schauen.  Nicht dass ihr etwa enttäuscht seid, wenn er dann bei sagen wir mal 120 landet. Also überlegt euch, wie ihr mit dem Ergebnis umgehen werdet.

;)
Viel Erfolg
LG A
Liebe Grüße
Anekdote


Leben ist das was passiert, während du damit beschäftigt bist, andere Pläne zu machen. - John Lennon

Blackjack

  • Gast
Re: Hochbegabt? Test mit 16 noch sinnvoll?
« Antwort #3 am: November 25, 2013, 21:29:34 Nachmittag »
Hallo ihr zwei,
Vielen Dank für eure Antworten. Ja, die Frage ist wirklich, ob ein Test in dem Alter noch sinnvoll ist. Wäre er jetzt 12 oder 13 sähe die Sache sicherlich anders aus. Das mit den Noten ist so eine Sache. Er schreibt halt schon auch Noten im 5er Bereich (wir wohnen in Bayern, er ist jetzt also in der Gymnasialen Oberstufe, bekommt da dann anstatt Noten ja Punkte). Halt gerade in den Naturwissenschaftlichen Fächern. Nachhilfe stelle ich mir schwierig vor, weil es vielen sehr schwer fällt seinen Gedankengängen zu folgen. Dann wird halt oft zu weit vorne angesetzt, also bei Dingen, die er eigentlich schon kann, das führt wieder zu Frust. Das mit den Lerncoach`s hört sich gut an, werde mich da mal informieren.
Das mit der Motivation stimmt schon auch. Dann wüsste er halt, dass er nicht "dumm" ist, wie er es manchmal ausdrückt. Also, dass er es schaffen könnte. Allerdings ist auch die Frage, wie er selbst auf ein Testergebnis, wie auch immer es ausfallen mag, reagieren würde. In dem Alter kann man einen Test ja nicht mehr vom Kind (bzw. Jugendlichen) fernhalten.
Die Diagnose wäre ja aus meiner Sicht nicht nur für die Schule wichtig, sonder vielleicht vielmehr auch für die Uni. Bis dahin muss er ja auf jeden Fall "lernen" können. Wenn die Ursache hierfür wirklich mit in der Hochbegabung läge, wäre es meiner Meinung nach wichtig, diese festzustellen. Sonst kann man ja nicht daran arbeiten, sondern tappt vielmehr nur im Dunkeln und muss auf Zufallstreffer hoffen.
Falls wir uns für einen Test entscheiden sollten, wie erkennt man denn einen guten Psychologen? Zu der Dame, die damals die ADHS Diagnose gestellt hat würden wir auf keinen Fall wieder gehen. Sie wurde uns damals von der Schule empfohlen, wenn ich mich nicht irre. Brauchen wir jemanden, der auf HB bei Kinder und Jugendliche spezialisiert ist? Weil es sich ja auch mit um Lernprobleme handelt wäre das vielleicht sinnvoll?
Wie wahrscheinlich haltet ihr es, dass Hochbegabung mit eine Ursache für seine Probleme sind? Klar hängt so etwas immer von vielen Faktoren ab.
LG

Samyeli

  • Gast
Re: Hochbegabt? Test mit 16 noch sinnvoll?
« Antwort #4 am: November 26, 2013, 12:32:01 Nachmittag »
Bei den Psychologen würde ich es so machen, wie ich es selbst bei mir auch gemacht habe. Die Erstgespräche sind meist kostenlos. Ich habe mir mal mehrere Termine ausgemacht und habe dann mit jedem geredet. Dort, wo ich mich am wohlsten gefühlt habe, habe ich dann weitere Termine ausgemacht. Da darf bzw. kann man nicht nach Zertifikaten oder ähnlichem gehen. Klar, die Richtung sollte schon stimmen aber im Grunde ist das ein Vertrauensverhältnis. Es geht ja darum, sich öffnen zu können und etwas mitzunehmen. Es reicht halt hier nicht, ein Tabletterl zu verschreiben und gut ist's.

Der Vorteil von Studium zu Schule ist der, dass man sich zumindest die Richtung in die es gehen soll selber aussuchen kann. Das hilft auch viel. Meist lernt man Dinge die man sich selber als wichtig erschlossen hat wesentlich leichter.