Hochbegabte gibt es ungefähr gleich verteilt unter Jungen und Mädchen.
In der Beratungspraxis entsteht ein anderer Eindruck: Nur ca. ein Viertel der Kinder und Jugendlichen, die zu einer Diagnostik vorgestellt werden und für die eine Beratung in Anspruch genommen wird, sind Mädchen.

Und auch in der Berufswelt zeigt sich ein anderes Bild: Männer sind noch immer häufig höher qualifiziert und erfolgreicher. Gerade mal 10 % der Professuren in Deutschland sind von Frauen besetzt. Besonders in Bereichen, die im Zusammenhang mit Mathematik stehen, sind Frauen unterrepräsentiert.

Überlegungen, warum es zu diesen Unterschieden kommt, zeigen auf, dass es für Mädchen in besonderem Maße wichtig ist, ihre Fähigkeiten zu kennen und wertzuschätzen, damit sie sich entsprechend ihrer Begabung, ihren Interessen und Bedürfnissen entwickeln können.
Ein längst bekannter und doch oftmals zu wenig beachteter Grund ist, dass Mädchen ein stärkeres Bedürfnis als Jungen zeigen, nicht aufzufallen, nicht anders zu sein als Gleichaltrige und aus einer Gruppe nicht herauszufallen. Daher passen sie sich mit ihren Leistungen und ihren Interessen an. Auch tragen die Erwartungen an die Geschlechterrolle, die durch das Umfeld an die Mädchen herangetragen werden, dazu bei, dass Fähigkeiten verborgen werden. Trotz aller Emanzipation werden intellektuelle Hochleistungen und eine deutliche Leistungsorientierung oft als unweiblich angesehen. Gerade in der Pubertät machen viele hochbegabte Mädchen die Erfahrung, dass sie in Gruppen weniger anerkannt sind und bei Jungen weniger beliebt sind, wenn sie Leistungen zeigen, die ihren Fähigkeiten entsprechen.

Wie eine Studie von Preckel, Goetz, Pekrun, und Kleine (2008) zeigt, sind bei hochbegabten Mädchen, die deutlich bessere Schulnoten in Mathe haben als durchschnittlich begabte Mädchen, das akademische Selbstkonzept und die Motivation, sich mit mathematischen Inhalten zu beschäftigen, nicht höher ausgeprägt als bei den durchschnittlich begabten Mädchen. Bei den hochbegabten Jungen hingegen sind Selbstkonzept, Motivation und Interesse höher. Dies bestätigt die Annahme, dass Mädchen häufig ein geringeres Selbstvertrauen in ihre Leistungsfähigkeit haben, sich trotz ihres hohen Potentials nicht für besonders begabt halten und gute Schulnoten allein ihrem Fleiß und ihrer Anstrengung zuschreiben.
Durch die Neigung, sich anzupassen und mit der Masse zu schwimmen, sind Mädchen weniger auffällig und geben weniger Anlass dazu, eine Beratung aufzusuchen. Anders als hochbegabte Jungen, bei denen häufig Verhaltensauffälligkeiten und Verweigerung Anlass geben, über eine hohe Begabung nachzudenken, reagieren Mädchen auf Unterforderung eher mit Rückzug, Resignation und psychosomatischen Beschwerden. Eine Hochbegabung wird seltener als bei Jungen erkannt und dadurch seltener gefördert. Doch wie zuvor deutlich wurde, ist es gerade für Mädchen wichtig, eine hohe Begabung zu erkennen und zu fördern, sie darin zu unterstützen, an ihre Fähigkeiten zu glauben und Interessen zu verfolgen, sie dazu zu ermutigen, sich in den Unterricht einzubringen und auch im mathematisch-naturwissenschaftlichen Bereich ihr Selbstwertgefühl zu stärken.
Eltern, Lehrer und das gesamte Umfeld sind gefragt, Fähigkeiten wahrzunehmen, anzuerkennen und in gleichem Maße wie bei den Jungen intellektuelle Förderung und Herausforderung anzubieten. Unterstützen können dabei Psychologen oder Psychologinnen, die sich auf den Bereich Hochbegabung spezialisiert haben und Erfahrungen mit den besonderen Bedürfnissen hochbegabter Mädchen haben. Auf der Grundlage einer Diagnostik bietet sich in der Beratung die Möglichkeit, individuelle Lösungswege und Fördermöglichkeiten zu finden, die den jeweiligen Fähigkeiten und den Bedürfnissen des einzelnen Kindes entsprechen.

Kaija Küssner
Diplompsychologin, Bremen

Weitere Informationen gibt es unter:
www.hochbegabung-bremen.de
www.die-hochbegabung.de

Hochbegabte Mädchen
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