Wenn es um die Frage der vorzeitigen Einschulung eines Kindes geht, stehen Eltern von Kindern häufig vor Aussagen wie dieser: „Lasst das Kind noch spielen!“ oder „Ihr nehmt dem Kind die Kindheit!“.

Wer sein Kind vorzeitig einschulen lassen möchte, dessen Kind ist meistens aufgefallen durch frühes Erlernen des Lesens und Schreibens oder durch anhaltendes Interesse an speziellen Themen und einem hohen Wissenstand auf dem Gebiet.

Manche kluge Kinder beginnen damit noch im Kleinkindalter. Ein Kind, das mit drei Jahren anfängt zu lesen und in der Kita mitbekommt, wie die Großen auf die Schule und das Lernen vorbereitet werden, wird möglicherweise bald den Wunsch äußern selbst zur Schule gehen zu wollen.

Diese Kinder fallen im weiteren Verlauf oft dahingehend auf, dass sie sich wenig an Gruppenaktivitäten beteiligen, sich häufig verschließen. Die ruhigeren introvertierten leiden oft still vor sich hin, dass niemand da ist, der sich mit ihnen beschäftigt, auf ihre Fragen eingeht.

Da sie mit Gleichaltrigen oft nur wenig anfangen können, orientieren sie sich lieber an älteren Kindern, falls diese das zulassen, oder an Erziehern, die einzelnen Kindern häufig nicht so viel Aufmerksamkeit schenken (können), wie es nötig wäre.

Die Kinder müssen sich in der Kita einfügen, anpassen und ihre Interessen zurückstecken, was auf die Dauer zu Verhaltensstörungen und zu gesundheitlichen Problemen führen kann.

Die Selbstbewussteren unter ihnen, sehr häufig die Jungs, fallen oft dadurch auf, dass sie Gruppenaktivitäten stören, sich nicht an Stuhlkreisen beteiligen wollen und stets ihr umfangreiches Wissen an den Mann bringen wollen. Das kann zu verbalen und körperlichen Ausrutschern führen. Ob auffallend ruhig und zurückgezogen oder der Störenfried, der die Gruppenaktivität stört, solche Auffälligkeiten besonders intelligenter oder gar hochbegabter Kinder werden oft als soziale Schwächen interpretiert. Mangelnde Anpassungsfähigkeit wird den Kindern als Schwäche zur Last gelegt, sie werden gerügt und in der Folge auch ausgegrenzt.

Oft ist es so, dass in den Kindertagesstätten nicht erkannt wird, dass solche Kinder eben weniger freies Spiel benötigen. Sondern sie brauchen mehr Zuwendung, Anleitung und Beschäftigung mit Themen, die bei den Kindern stark im Fokus stehen, wie etwa der Umgang mit Zahlen und Buchstaben. So wollen sich die kleinen Forscher schrittweise die Welt der Erwachsenen erschließen und das völlig eigenmotiviert und ohne Anstöße durch die Eltern.

So werden nach und nach Fähigkeiten und Fertigkeiten aufgebaut, Überschriften gelesen die zunächst aus Großbuchstaben bestehen, mit Zahlen experimentiert. Alsbald hört man dann Sätze wie diese von seinem Knirps: „Mama fahr bitte langsamer, ich will das Schild lesen“, „Mama lass uns mal bis Tausend zählen“ oder „Mama wie machen die Pflanzen die Luft die wir atmen“.

Kinder wie diese haben am Kindergartenalltag manchmal wenig Freude und äußern dies auch. Sie weigern sich mal mehr, mal weniger stark in die Einrichtung zu gehen, die eigentlich zuständig ist, die Kinder auf das Leben in der Schule vorzubereiten.

Eltern in dieser Situation tun gut daran, zu prüfen ob das Kind die Voraussetzungen für eine vorzeitige Einschulung erfüllt. Sie können das tun bei Psychologen mit Erfahrungen im Bereich der Begabungsdiagnostik oder auch beim schulpsychologischen Dienst. Es ist die Frage zu klären, was für das Kind problematischer wäre, das Verbleiben in der Einrichtung, wo man ihm nicht immer gerecht wird und wo es sich oft langweilt oder dass das Kind bei einer vorzeitigen Einschulung eines der jüngsten sein wird und noch recht klein. Das Tragen des Schulranzens, die Konfrontation mit Älteren und kräftigeren Kindern und die körperlichen Nachteile beim Sportunterricht sind die Hauptprobleme.

Da es in der Kita eher weniger Möglichkeiten gibt, auf die speziellen Bedürfnisse solcher Kinder einzugehen, stellt die vorzeitige Einschulung mitunter die einzige Möglichkeit dar, dem Wissensdrang besonders begabter Kinder gerecht zu werden. Von Seiten der Länder wurde hier bereits der Schritt unternommen, dass es kein vorgeschriebenes Mindestalter mehr für die Einschulung gibt, sondern dass die Entwicklung eines jeden Kindes individuell betrachtet werden sollte.

Wichtig! Es wird kein Kind ungeprüft vorzeitig eingeschult, nur weil „ehrgeizige“ Eltern das gerne hätten.

Vorzeitige Einschulung ‚Lasst das Kind noch spielen!‘
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9 Gedanken zu „Vorzeitige Einschulung ‚Lasst das Kind noch spielen!‘

  • 26/02/2010 um 20:07
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    Meine Tochter (heute 13- besucht die 11. Klasse) wurde vorzeitig eingeschult (geb. 17.11.), da das auch vom Kindergarten empfolen wurden. Da sie auch schon mit 4 Jahren fast fließend lesen konnte und auch vor der Schulzueit Sätze schreiben konnte. Meine Tochter kam also mit 5 in die Schule. In der schule langweilte sie sich dauerhaft, sodass sie auch die 1. und 2. Klasse der Grundschule übersprang. Heute ist sie also mit oft auch fast 4 Jahre älteren zusammen und fühlt sich sehr wohl in der Klasse. Bei solchen Kindern kann man nicht lass es doch spielen das kind langweilt sich beim „altersgemäßen“ spielen.

  • 29/03/2010 um 18:58
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    Ich denke, es sollte individuell entschieden werden, ob und wie viele Klassen ein Kind überspringt.

    Nicht für jedes hochbegabte Kind ist das Springen gut, genauso wenig wie jedes hochbegabte Kind gymnasiabel ist (das finde ich einen sehr, sehr wichtigen Aspekt, der meistens komplett außen vor gelassen wird! Dadurch schadet man leider dem Kind oft sehr).

    Alle Hochbegabten über einen Kamm zu scheren, empfinde ich als falsch (und das wird gerade in Punkto „Überspringen“ und „Gymnasium“ oft getan).

    In meiner Familie hat einer zwei Klassen übersprungen, besuchte das Gymnasium erfolgreich und begann als noch Minderjähriger das Mathematikstudium.

    Andere Hochbegabte aus meinem Umfeld wiederum gingen auf die Realschule und besuchten parallel dazu privat weiterbringende Kurse (allerdings hatten die Eltern auch das Geld dafür). Heute sind sie erfolgreich, einige haben auf dem zweiten Bildungsweg das Abitur nachgeholt und studiert.

    Ich bin dafür, dass Gymnasien, Grund-, Real- und Hauptschulen ein Zusatzprogramm bzw. eine Zusatzbetreuung für hochbegabte Schüler anbieten. So einfach ist das alles natürlich nicht, denn es müsste einiges umstrukturiert werden, und zwar von „ganz oben“… auch die finanziellen Mittel müssen stimmen…

  • 19/08/2010 um 09:57
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    „Oft ist es so, dass in den Kindertagesstätten nicht erkannt wird, dass solche Kinder eben weniger freies Spiel benötigen. Sondern sie brauchen mehr Zuwendung, Anleitung und Beschäftigung mit Themen die bei den Kindern stark im Fokus stehen, wie etwa der Umgang mit Zahlen und Buchstaben.“

    Das versuche ich gerade im Kindergarten zu erklären, dann kommt “ Aber sie muss doch noch Kind sein und hier im Kindergarten hat sie die Möglichkeit“
    hääääääääää? Also , sobald ein Kind in die Schule kommt, ist es kein Kind mehr?????
    (wenn man es ganz pinibel nehmen würde)
    Oh man solche Sachen regen mich auf. Im Kindergarten wird daraud geachtet, dass die Kids zb mit 5 Jahren einen Menschen malen können, wenn sie es nicht können, haben sie Defizite und müssen gefördert werden.
    Wenn ein Kind aber schon weiter ist und das freie Spielen nicht mehr mag, wird es „gezwungen“ sich „Jünger“ zu benehmen.

  • 27/01/2011 um 11:50
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    Toller Bericht Heidrun, vielen Dank und alles Gute. Genau das ist es was ich meine, man muss genau hinschauen.

  • 27/01/2011 um 14:21
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    Mein Sohn hat einen Kindergarten, da wird erkannt was er kann, aber und jetzt zum Thema Killersprüche:
    Schulische Leistungen haben hier keine Lobby, für Rechnen und Zählen wird hier keiner gelobt. Er soll erst einmal lernen was er nicht kann- altersgerecht spielen……

  • 27/01/2011 um 17:35
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    Kam das im Kindergarten? Darf ich das in die Liste der Killerspüche übernehmen?

  • 28/01/2011 um 11:41
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    Darfst du gerne übernehmen. Ja, kam im Kindergarten

  • 05/04/2011 um 09:28
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    was heißt denn eigentlich schon „altersgerecht“? Wenn ein hochbegabtes Kind mit 5 Jahren, im Kopf und im gesamten Verhalten und denken wie eine 7jährige ist, dann ist der Kindergarten doch nicht altersgerecht“
    Und wieso ist mit Schuleintritt die Kindheit vorbei? Schulkinder haben doch auch noch genügend Zeit und Lust zum spielen. Unsere Tochter wurde mit genau 5 jahren eingeschult, und Sie ist so happy.
    Wenn ein Kind natürlich körperlich sehr zierlich ist, oder „nur“ auf einem Gebiet hochbegabt ist (Inselbegabung), aber im sozialen Verhalten noch nicht soweit ist, kann es vielleicht schwierig werden.
    Unser Tochter ist in einer altersgemischten Klasse (von 1.-4.) und diskutiert überall fleissig mit, und ist auch bei den 10jährigen anerkannt, weil Sie nicht schüchtern ist.
    Also, ich bin der Meinung, dass nicht für jedes hochbegabte Kind die frühere Einschulung das Richtige ist.
    Es ist ein Dilemma, wenn die Kinder im Kiga unglücklich sind, aber noch ein Jahr auf die Einschulung warten müssen. Ich wünschte es gäbe mehr Erzieherinnen die sich mit diesem Thema beschäftigen, und sich dementsprechend auf die Kinder einstellen.

  • 11/04/2011 um 23:57
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    Als sich uns vor zwei Jahren die Frage stellte, unsere Maus vorzeitig einschulen zu lassen, schüttelten die meisten unserer Freunde und Bekannten den Kopf.

    „Du bist doch bekloppt“ „Klau dem Kind doch nicht die Kindheit“ „Ich würd’s nicht machen- der Schuss wird voll nach hinten losgehen, wirst schon sehen…“
    Solches und ähnliches durfte ich mir anhören.

    Heute wissen wir zum Glück, dass „der Schuss“ – im Gegenteil – nach vorne losgegangen ist: wir haben mittlerweile eine Bestätigung der Hochbegabung durch das AID2 Testverfahren. Sie ist bei den 20 Kindern ihrer Klasse ganz vorne mit dabei und beklagt sich manchmal, dass sie ja gar nichts lernen würde. Mathematik ist ihre Stärke wobei sie in allen getesteten Bereichen weit über dem Durchschnitt liegt.

    Für uns war es also ganz bestimmt die richtige Entscheidung, sie in die Schule zu lassen – noch ein Jahr im KiGa und sie wäre massiv verhaltensauffällig geworden.

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