Stilblüten zum Phänomen Hochbegabung

Heute: „Querbegabung“

Im Grenzecho, einem offenbar in Belgien beheimateten Medienportal schreibt Katja Allendorf einen Kommentar zum Thema Hochbegabung. Worum es ihr in dem Artikel eigentlich geht, bleibt relativ vage. Immerhin folgen am Ende des Beitrags noch ein paar Veranstaltungshinweise.
Sie schreibt:

– Es ist auch nicht alles Hochbegabung oder „nur“ Hochbegabung, wo Hochbegabung draufsteht. Es kann sich auch um Querbegabung, Hochsensibilität, Hochsensitivität oder eine Affinität zum Freidenken handeln.-

Ich hätte nun gerne einmal gewusst, was Sie unter dem Begriff Begriff „Querbegabung“ versteht. In der Psychologie ist mir der Begriff bis dato nicht begegnet. Bei Hochsensibilität ist das etwas anders. Der Begriff Sensibilität existiert, doch dieses Thema ist schwierig zu erforschen, weil es schlichtweg keine geeigneten Methoden gibt, die Gefühle eines Menschen zu messen. Demzufolge existieren derzeit kaum belegbare Erkenntnisse zum Thema Hochsensibilität. Mit Begriffen wie „Hochsensivität“ bzw. „Affinität zum Freidenken“ scheinen ihr dann gänzlich die Pferde durchzugehen.

– Sogar Doppel- oder Fehldiagnosen kommen im Bereich der Hochbegabung vor. –

Man könnte hier denken, dass sich der Begriff Fehldiagnose auf das Phänomen Hochbegabung bezieht. Sie nimmt hier Bezug auf den Psychologen James T. Webb. Leider hat sie vergessen, konkret festzuhalten, wo genau man das nachlesen kann. Meines Wissens nach ist die Irrtumswahrscheinlichkeit einer mittels standardisiertem IQ-Test, festgestellten Hochbegabung ziemlich gering. Folglich ist davon auszugehen, dass Fehldiagnosen hier doch relativ selten vorkommen!

Laut Webb beziehen sich Fehldiagnosen vielmehr auf Diagnosen wie ADHS, das ja eine reine Ausschlussdiagnose anderer Faktoren darstellt. Oft findet man statt einer vermuteten ADHS dann eine Hochbegabung. Seltener kommt beides zusammen vor, denn bisher geht die Forschung davon aus, dass beide Phänomene voneinander unabhängig auftreten.

Im Anschluss kommt Frau Allendorf dann auf Asperger Autismus zu sprechen:

– Im Moment scheint es zusätzlich ein Trend zu sein, hochsensiblen Personen das Label „Asperger“ anzuhängen. –

An dieser Stelle tut Sie vielen Betroffenen Menschen und ihren Familien Unrecht. Denn Autismus ist im Gegensatz zu ADHS, bei der Irrtümer häufig vorkommen, eine sichere Diagnose. Bei ihr handelt es sich um eine Störung im Kommunikations- und Interaktionsverhalten von Menschen. Es ist schwer vorstellbar, dass sich jemand freiwillig ein Label anhängt, das derart problembehaftet ist.

Sicher mag es Menschen geben, die auffälliges Verhalten ihrer Kinder ohne entsprechende Belege auf eine mögliche Hochbegabung, möglicherweise auch Autismus schieben. Doch ein solches Problem hätte sich im Normalfall schnell erledigt, wenn eine so angesprochene Lehrkraft für eine solche Aussage ein entsprechendes Gutachten sehen möchte. Das größere Problem sehe ich vielmehr in einer gewissen Anzahl von Medienbeiträgen, die sich ohne entsprechendes Hintergrundwissen zu bildungspolitisch wichtigen Themen äußert und dabei nicht ein Mindestmaß an Recherche aufwendet. Diese Falschmeldungen geben wilden Spekulationen neue Nahrung, stören die Akzeptanz betroffener Gruppen in der Bevölkerung, denen dann womöglich nötige Fördermaßnahmen verwehrt bleiben.

Veröffentlicht von

Heike Werneburg

Studiert Soziologie, Erziehungswissenschaften und Psychologie an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz.

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