Rolf Sellin – Wenn die Haut zu dünn ist

Hochsensibilität: Vom Manko zum Plus

 in Rolf Sellin - Wenn die Haut zu dünn ist„Wenn die Haut zu dünn ist“ beschäftigt sich ohne Zweifel mit einem wichtigen Thema, das zudem öfter auch mit hoher Intelligenz in Verbindung gebracht wird.

Auf uns alle wirken täglich unzählige Reize ein. Menschen nehmen diese unterschiedlich wahr und verarbeiten sie daher auch auf vielfältige Art und Weise. Eine Person kann nach einem belebten und anstrengenden Arbeitstag auch noch auf eine Party gehen, die andere braucht Zeit zur Erholung und Entspannung. Die persönlichen Grenzen liegen bei jedem Menschen anders. Sie zu kennen und zu akzeptieren, um ein Leben nach eigenen Bedürfnissen und Möglichkeiten zu führen und dennoch gesellschaftlich akzeptiert zu sein, ist eine große Herausforderung und Anliegen des Buches. Doch es verspricht leider mehr, als es halten kann.

Es werden Tipps gegeben, wie man erlernen kann, den eigenen Körper auszuloten. Es wird gezeigt, wie groß die Gefahr ist, von anderen Menschen manipuliert zu werden. Wer kennt nicht die Aussage: „Nun stell dich nicht so an“?

Manche, der im Buch enthaltenen Ratschläge, wie man den Lebensalltag in unserer zunehmend reizüberfluteten Welt meistern kann, ohne gesundheitlichen Schaden zu nehmen, werden für den ein oder anderen Leser sicher hilfreich sein und doch gilt es deutliche Abstriche zu machen.

Wissenschaftliche Quellen sucht man in der Arbeit leider vergeblich. Das mag zum einen daran liegen, dass es derzeit nur schwer möglich ist, die Sensibilität des Menschen für Umweltreize adäquat zu messen und erforschen. Ein anderer Grund kann sein, dass der Autor weder Arzt noch Sozialwissenschaftler ist.

Der Autor hat eine „heilpädagogische Praxis“, auf deren Basis dieses Buch entstanden ist. Doch es ist als problematisch einzuschätzen, allein aus dieser Position heraus und ohne wissenschaftliche Basis allgemeingültige Aussagen zu sozialen Phänomenen zu treffen. Die Darstellung dieses Themas auf diese Weise ist daher als äußerst subjektiv einzuschätzen. Viele der im Text verwendeten Beispiele wirken konstruiert und entweder nicht so recht zum beschriebenen Kapitel passend oder in ihrer Erklärung nicht wirklich schlüssig.

Achtung Spoiler:
Hier sei das Beispiel mit dem Kinderlärm während einer der Sitzungen des Autors mit Patienten genannt. Nachdem den Teilnehmern der Grund für den Lärm erklärt wurde, empfanden die Anwesenden diesen angeblich nicht mehr als störend. Kann man das tatsächlich so darstellen? Denkt der Autor nicht an die Möglichkeit, dass die Seminarteilnehmer hier lediglich die von ihm erwartete sozial erwünschte Reaktion zeigen?

Ein weiterer Punkt, der missfällt, ist die Verstärkung von Geschlechterstereotypen durch den Autor.
Achtung Spoiler:
Er trifft hierzu widersprüchliche Aussagen. Einerseits kritisiert er gesellschaftlich vorhandene Geschlechterstereotype, indem er zu Recht beklagt, dass dem Mann in der Gesellschaft selten Gefühl und Sensibilität zugestanden werden.Andererseits fordert er ein „Männerbild“ in der Gesellschaft und trifft Aussagen wie diese: „In Familien in denen die Väter nicht Männer sein dürfen und als Männer keinen Respekt genießen und in denen Mütter es sich nicht zugestehen, Frauen zu sein, kann keine Atmosphäre gegenseitiger Achtung zwischen den Eltern herrschen.“ Mit einer solchen Aussage wird der Leser dann ohne weitere Erläuterung alleine gelassen. Zudem widersprechen sie Erkenntnissen der Sozialforschung, dass unsere Geschlechterrollen nicht auf natürlichen Gesetzmäßigkeiten basieren, sondern lediglich sozial konstruiert sind.

Fazit: Das Buch verspricht, vom Manko zum Plus zu kommen, die Hochsensibilität als Begabung statt als Last zu erleben. Aus meiner Sicht wird leider zu viel versprochen. Wer am Thema Hochsensibilität interessiert ist, muss weiter auf ein Buch warten, das dieses Thema angemessen bearbeitet.

Rolf Sellin
Amazon-Affiliate-Link: Wenn die Haut zu dünn ist
Kösel-Verlag
176 Seiten
ISBN-13: 978-3466308842
Broschiert: 16,99 €
Kindle EBook: 13,99 €

Veröffentlicht von

Heike Werneburg

Studiert Soziologie, Erziehungswissenschaften und Psychologie an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz.

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