Intelligenz und Intelligenztests – Mythen und Aufklärung

Die kursierenden Mythen bezüglich Hochbegabung und Intelligenz sind Thema dieses Blogs.

Heute möchte ich einen Beitrag aufgreifen, der eine ganze Kollektion an Falschinformationen zum Thema Intelligenz und Intelligenztests unter die Leute bringen möchte. Auf der Seite des „Zentrum für Gesundheit“ in der Schweiz stellte man sich folgende Frage:
„IQ Test – Wie sinnvoll ist er“ ohne sie letztlich auch nur halbwegs gut beantworten zu können. Der Nutzen der Intelligenztests wird dabei völlig zu Unrecht in Frage gestellt.

Der erste Fehler passiert bereits in der Eingangsfragestellung:

"Der Intelligenztest misst vieles, doch gelingt es ihm auch wirklich, die tatsächliche Intelligenz des Menschen zu beurteilen?"

Zunächst sollte geklärt werden, was Intelligenz überhaupt ist. Die Ansätze variieren grob. Über den Kern sind sich die meisten Forscher jedoch einig:

Die Intelligenz eines Menschen wird als die Fähigkeit der kognitiven Informationsverarbeitung und der Bewältigung neuartiger Probleme bezeichnet. Kein Persönlichkeitsmerkmal ist dabei so gut erforscht, so gut messbar und über die Zeit so stabil wie die Intelligenz. Der Intelligenztest ist nicht konzipiert Vieles zu messen, sondern lediglich diejenigen Bereiche, die die Intelligenz des Menschen maßgeblich beeinflussen.

Das Gesundheitszentrum schreibt hierzu:

"Was also wird beim IQ Test bewertet? Insbesondere die Fähigkeit, logisch und schnell zu denken, aber leider nicht viel mehr. Besondere Begabungen werden nicht berücksichtigt, natürlich auch nicht soziale Kompetenzen, Empathiefähigkeit, Motivation oder Einfühlungsvermögen. Was also nützt der IQ Test?"

Der Intelligenztest bewertet nicht sondern er misst, inzwischen ziemlich verlässlich, die Leistung des Menschen, durch die sich intellektuelle Begabung ausdrückt. Dazu gehören z. B. die visuelle und räumliche Vorstellungskraft, mathematisch logisches Schlussfolgern, sprachliche Fähigkeiten und das Arbeitsgedächtnis.
Weiter wird auf der Seite gefragt:

was ist mit sozialen Kompetenzen, Empathiefähigkeit, Motivation und Einfühlungsvermögen?

Emotionale Intelligenz – ein Kunstbegriff!

Emotionale Kompetenzen hat zweifellos jeder Mensch. Diese werden vom Intelligenzbegriff nicht erfasst und können demzufolge auch nicht vom Intelligenztest gemessen werden. Dies ist kein Anspruch an den Intelligenztest. Eine weitere Ausdehnung des Intelligenzbegriffs auf die sozialen Kompetenzen wird als nicht zielführend angesehen, da der Intelligenzbegriff dann ungenau werden und der Intelligenztest an Validität verlieren würde.

Zur Verteilung von Intelligenz

Das Gesundheitszentrum schreibt weiterhin:

"Erreicht man beim IQ Test zwischen 90 und 110 Punkte, gehört man – wie die Mehrheit aller Menschen – zu jener Gruppe mit "durchschnittlicher Intelligenz". Wer bei einem IQ Test ein Ergebnis unter den "magischen" 90 Punkten erzielt, dem wird ein sogenannter "Intelligenzmangel" bescheinigt. Pendelt sich das Testergebnis bei mehr als 130 Punkten ein, spricht man von einer Hochbegabung oder gar einem "Genie". 

Diese Aussagen sind weit weg von den gängigen Konventionen und Aussagen in der psychologischen Forschung!

Zunächst einmal muss festgestellt werden, dass die Intelligenz des Menschen einer Normalverteilung unterliegt. Dass wir ab einem IQ von 130 von einer Hochbegabung sprechen, ist willkürlich festgelegt und daher Definitionssache und Konvention. Der größte Teil der Menschen gilt als durchschnittlich intelligent. Dieser Bereich erstreckt sich über den Bereich von 85 – 114 IQ-Punkten. Etwa 68 % der Menschen gelten daher als durchschnittlich intelligent oder normalbegabt. Wer einen IQ von unter 85 hat, lebt mit einer Lernbehinderung. Erst bei einem IQ von weniger als 70 (wohlgemerkt nicht von 90!) kann man wirklich von einer Intelligenzminderung sprechen.

Wer 115 bis 129 IQ-Punkte erreicht, ist überdurchschnittlich intelligent. Ab einem IQ von 130 spricht man von der intellektuellen Hochbegabung. Aufgrund der Normalverteilung ist die Anzahl der Menschen mit verminderter Intelligenz und der mit Hochbegabung etwa gleich groß und beläuft sich auf ca. 2 %.

Das Wort Genie wird in der Wissenschaft, zumindest hierzulande, selten bis gar nicht verwendet. Da hier zwei Elemente zusammenkommen, extrem hohe bzw. Höchstbegabung, Menschen mit einem IQ > 145 und extrem hohe Leistung, sind dies nur sehr wenige Menschen.

Nochmals geht das Gesundheitszentrum auf Begabungsschwerpunkte ein. Die individuellen Begabungen würden nicht beachtet:

 "...verfügt Mensch A beispielsweise über sprachlich herausragende Fähigkeiten, Mensch B kann ein begnadeter Mathematiker sein, Mensch C ein Musikgenie, und Mensch D, der weder Noten lesen kann, noch Zahlen viel Begeisterung entgegen bringt, repariert mal eben die defekte Waschmaschine, was sich die Menschen A, B und C nicht im Ansatz zutrauen würden. Diesen Nischenbegabungen wird im IQ Test aber keine Wertschätzung entgegen gebracht."

Hier wird Intelligenz auch kognitive Begabung mit anderen Fähigkeiten wie Kompetenzen oder Talenten vermischt. Diese Fähigkeiten jedoch beziehen sich auf nicht-kognitive Bereiche. Der IQ-Test bezieht sich auf kognitive Fähigkeiten und ist meist eine Zusammenstellung aus mehreren Untertests, die verschiedene Dimensionen der menschlichen Intelligenz erfassen soll. So werden nicht sprachliche oder Fähigkeiten des logischen Denkens allein, sondern immer eine Kombination aus verschiedenen Fähigkeiten in den Untertests erfragt. Auf diese Weise ist es möglich, dass eine Schwäche in einem Bereich, durch eine Stärke in einem anderen Bereich ausgeglichen werden kann.

Was ist mit musischen und technischen Begabungen?

In erster Linie geht es hier nicht um Begabungen sondern vielmehr um gezeigte Leistungen, für die letztlich ein hohes Maß an Motivation und viel Übung erforderlich ist. Der Begriff der intellektuellen Begabung greift an dieser Stelle nicht. Da das Musizieren ein komplexer Vorgang ist, wird jemand, der auf sehr hohem Niveau musiziert, in einem Intelligenztest wahrscheinlich auch mindestens ein solides Ergebnis erreichen. Die Fähigkeit eine Waschmaschine „mal eben zu reparieren“ fällt wohl seltener unter den Bereich besonderer Begabungen. Es handelt sich hier wohl meist um eine Leistung, die Menschen im Bereich der Normalbegabung mit etwas Übung erreichen können. Menschen, die als technisch besonders begabt auffallen, hätten dann im Intelligenztest ihre Stärken vermutlich eher in mathematisch/logischen Bereichen.

Das Schweizer Gesundheitszentrum sagt auch, dass eine hohe Begabung keine Erfolgsgarantie ist. Das ist richtig. Doch es ist unbestritten, dass eine Intelligenz als eine wichtige, wenn nicht die wichtigste Variable zur Erlangung von schulischem und beruflichem Erfolg gilt. Doch noch immer gibt es eine große Zahl von Kindern, deren hohe Intelligenz unerkannt bleibt und die statt am Gymnasium lernen zu dürfen, mit einer niedrigeren Schulform vorlieb nehmen müssen, was zur Folge hat, dass Ihnen wichtige Bildungschancen versagt bleiben. Ein Problem, das in der Schweiz ebenso wie in Deutschland auftritt so Frau Professorin Elsbeth Stern vom Lehrstuhl für Lehr- und Lernforschung der ETH Zürich.

Und damit ist die Frage, wie sinnvoll ein Intelligenztest ist, auch gut zu beantworten. Er spielt in vielen Fragen der Bildung und Entwicklung von Kindern eine große Rolle und liefert wertvolle Hinweise bei schulischen Problemen. Würde man häufiger auf Intelligenztests zurückgreifen, z. B. bei der Entscheidung, auf welche Schulform ein Kind wechseln sollte, könnte man wohl so manchem Kind einen Leidensweg ersparen. Es gibt noch immer viele überforderte Kinder, die nach der Orientierungsstufe enttäuscht auf eine niedrigere Schulform wechseln müssen bzw. viele Kinder, die trotz hoher Intelligenz nach der Grundschule auf die niedrigste Schulform, in Deutschland die Hauptschule, geschickt werden. Das können wir nur verhindern, wenn wir Kinder genauer anschauen und bei wichtigen Entscheidungen
nicht ausschließlich von den Schulnoten und der subjektiven Beurteilung der Lehrkraft auf die Intelligenz eines Kindes schließen.

Weiter geht es mit gewagten Thesen wie der, dass ein hoher IQ bei Führungskräften oft unerwünscht sei.

Dagegen spricht die Tatsache, dass Menschen mit hohem IQ deutlich im Vorteil sind. Sie sind befähigt zu hoher Bildung, und dazu Berufe mit hohem Prestige ebenso auszuüben wie Berufe mit weniger hohem Prestige. Das heißt z. B, eine hoch intelligente Person kann sowohl als Verkäufer im Einzelhandel arbeiten, wie auch eine Position im Management eines namhaften Unternehmens begleiten. Menschen mit geringerer Intelligenz hingegen sind zumeist beschränkt auf Berufsgruppen mit weniger Prestige. Das heißt, sie sind in ihren Möglichkeiten deutlich eingeschränkt. Da Intelligenz der wichtigste Indikator für beruflichen Erfolg ist, setzten große Unternehmen wie z. B. Banken und Versicherungen verstärkt auf den IQ-Test zur Auswahl der Bewerber. Dieser kann selbstverständlich nur ein Kriterium für die Auswahl eines Bewerbers sein. Es gibt weitere, die auf die Bedürfnisse des Unternehmens zugeschnitten sind.

Der Intelligenztest lässt sich trainieren so die Aussage des Gesundheitszentrums

Das stimmt teilweise. Einmal ja, man könnte Aufgaben von Intelligenztests trainieren um dann ein besseres Ergebnis zu erreichen. Man verfügt dann über die sogenannte Testintelligenz.

„Und so geht man davon aus, dass man allein durch Training seinen IQ problemlos von beispielsweise 90 auf 115 oder gar noch mehr Punkte erhöhen könnte.“

Wer geht davon aus? Das wird leider nicht erwähnt.

Das wäre eine Verbesserung um 25 IQ-Punkte bzw. über beinahe zwei Standardabweichungen hinaus, die es möglich machen könnte, sich aus einer Normalbegabung heraus, eine Hochbegabung anzutrainieren. Dies ist doch recht unwahrscheinlich. Zum einen hat die Testintelligenz ihre Grenzen, zum anderen sind die standardisierten IQ-Tests in der Regel nicht einfach verfügbar. Es sind wissenschaftliche Messinstrumente, die Psychologen nicht einfach veröffentlichen, da sie sich dazu verpflichten, dies nicht zu tun und weil sie dadurch einen Ruf zu verlieren haben. Die Testaufgaben mit denen man trainieren könnte, können also immer nur ähnlich sein. Da es zudem verschiedene IQ-Tests gibt, kann es als schwierig betrachtet werden, sich gezielt vorzubereiten. Selbst wenn ein Training in diesen Dimensionen möglich wäre, stellt sich die Frage, wem sollte ein solches Training etwas nützen? Ein normal begabtes Kind das auf diese Weise für eine Aufnahme in einer Hochbegabtenklasse trainiert würde, wäre letztlich stark überfordert. Man würde ihm keinen Gefallen tun. Das sollte eigentlich vielen Menschen klar sein.

Sind hoch intelligente Menschen sozial inkompetenter als andere?

Das Gesundheitszentrum führt weiter an:

 "Menschen mit sehr hohem IQ sind häufig nicht geeignet für Führungspositionen. Ihnen fehlt nicht selten das, was man emotionale Intelligenz nennt. Sie können sich nicht immer in andere Menschen eindenken und einfühlen, ihnen fehlt der Teamgeist, die soziale Ader und oft auch die Fähigkeit zur Selbstreflexion."

Das Gesundheitszentrum bedient mit solch einer Aussage eigentlich nur die Vorurteile, die in Diskussionen an den Stamm- oder Küchentischen sorgsam gepflegt werden, für die es jedoch keinerlei Belege gibt und die nichts zu einer differenzierten Auseinandersetzung mit dem Thema Intelligenz beitragen. Hochbegabte Menschen sind keine homogene Gruppe sondern in sich sehr heterogen. Sie haben neben ihren Stärken natürlich auch Schwächen wie andere Menschen auch. Auch deuten verschiedene Aussagen von Fachleuten darauf hin, dass Hochbegabte vielmehr eher positiv auffallen, ein positives Selbstkonzept hätten und emotional stabiler und enthusiastischer seien als normalbegabte Menschen. Einen Menschen aufgrund seines hohen IQ, als sozial inkompetent zu bezeichnen, ist demzufolge diskriminierend und zeugt von Informationslücken.

Zu guter Letzt springt einem eine Frage förmlich entgegen:
Wie ist es angesichts dieser Anhäufung von Fehlinformationen eigentlich um die Glaubwürdigkeit der ganzen Plattform bestellt?

Quellen:

  • Rost, Detlef H. (2013) Handbuch Intelligenz. Weinheim/Basel. Beltz.
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  • Stern, Elsbeth; Neubauer, Aljoscha (2013) INTELLIGENZ – Große Unterschiede und ihre Folgen. München. Random House GmbH.
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  • Preckel, Francis., & Baudson, Tanja. G. (2013). Hochbegabung: Erkennen, Verstehen, Fördern. CH Beck.
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  • Müller, Götz (2015) Was war und (hoffentlich) so bleiben wird. Blog Hochbegabung. SciLogs. Heidelberg. Spektrum der Wissenschaft. 01.03.2016.
    Was war und (hoffentlich) so bleiben wird – zum Artikel
  • Veröffentlicht von

    Heike Werneburg

    Studiert Soziologie, Erziehungswissenschaften und Psychologie an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz.

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