Ist jeder Hochleister hochbegabt?

Über die Schnelllerner-Klassen in Berlin

In seinem Artikel „Wer denkt an die Kinder?“ vom 17.06.2014 greift Thomas Trappe von den „Prenzlauer Berg Nachrichten“, einer Berliner Onlineplattform das Thema Hochbegabung auf.

Zum Anlass genommen hat Herr Trappe Berichte über eine Initiative von Eltern, deren Kinder sich um einen Platz in einer „Schnelllerner-Klasse“ am Rosa-Luxemburg-Gymnasium beworben, den Aufnahmetest zwar bestanden hatten, aber dennoch abgelehnt worden waren. Grund für die Ablehnungen war laut Presseberichten, dass die Kapazitätsgrenzen der Schule erreicht seien. In einer Bürgerinitiative setzen sich die Eltern für die Einrichtung einer weiteren Förderklasse an dieser Schule ein.

In einem Rundumschlag frei nach Berliner Schnauze sieht sich Herr Trappe nun deshalb genötigt, mit Erkenntnissen intensiver und international anerkannter Intelligenzforschung abzurechnen. Er tritt die Errungenschaften jener Menschen mit Füßen, die sich für verbesserte Lernbedingungen und eine gezielte und individuelle Förderung von Begabungen zum Wohle der gesamten Gesellschaft einsetzten und noch einsetzen. Dabei erliegt er jedoch einem grundlegenden Fehler, auf den ich noch eingehen werde.

Die Explosion der Hochbegabten

Er führt an, dass es in besagtem Berliner Stadtteil eine „Explosion der Hochbegabten“ gegeben haben muss, wenn sich plötzlich so viele Kinder für diese seltenen Schulplätze anmelden. Er fragt weder nach, woher die angemeldeten Schüler stammten, noch wie der Test aufgebaut war. Stattdessen beleidigt er die Eltern der Bürgerinitiative und behauptet, sie würden ihre Kinder drillen.

Gab es also eine Explosion der Hochbegabten in Berlin? Wohl kaum! Denn hier genau ist Herr Trappes Fehler. Man sollte Äpfel nicht mit Birnen vergleichen. Ein Intelligenztest im engeren Sinne ist der in Berlin verwendete Test sicherlich nicht. Er setzt auf Kompetenzen, die durch Lernen in der Schule trainiert werden können und ermittelt am Ende die Eignung eines Kindes im Hinblick auf schulische Anforderungen. Aus diesen Gründen ist er im Rahmen einer differenzierten Begabungsdiagnostik, die eher auf nicht trainierbare Fähigkeiten und Fertigkeiten setzt, nicht geeignet*.

Es gibt in Berlin keine Hochbegabten- sondern Schnelllerner-Klassen. Man spricht also gezielt höher leistende Kinder an, solche, die in der Schule die guten Noten schreiben, Lehrers Lieblinge eben, das sind nicht ausschließlich Hochbegabte.

IQ-Tests unfähig zuverlässig Aussagen zur Intelligenz zu treffen?

Herr Trappe führt an, Intelligenztests seien unfähig Aussagen zur Intelligenz zu treffen. Zutreffend in Bezug auf das verwendete Testverfahren in Berlin! Stimmt nicht für Tests, die für differenzierte Begabungsdiagnostik auch empfohlen sind, wie z. B. den WISC. Intelligenztests, nach aktuellen Standards durchgeführt, sind noch immer das zuverlässigste Mittel, das geistige Potenzial eines Menschen zu erfassen, ob es Herrn Trappe nun passt oder nicht.

Richtig ist auch, dass eine entsprechende Leistungsbereitschaft für das erfolgreiche Absolvieren eines Intelligenztests Voraussetzung ist. Ohne das nötige geistige Potenzial geht allerdings ebenso wenig.

Kinder des Prenzlauer Berges verspüren selten den Wunsch einen Intelligenztest zu machen

Für normal begabte Kinder, die in der Schule genügend ausgelastet sind, mag das durchaus zutreffen. Überdurchschnittlich begabte und hochbegabte Kinder hingegen sind hier oft mit einer Motivation dabei, die sich im Testverlauf von Schritt zu Schritt steigert und die sie in schulischen Bereichen aufgrund zu geringer Anforderungen oft deutlich vermissen lassen. Viele dieser Kinder blühen in einer solchen Testsituation erst so richtig auf.

Abschaffung der speziellen Klassen für Hochbegabte gefordert

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Foto aufgenommen in einer Schule mit Hochbegabtenförderung.

Spricht er von Berlin – sollte er präziser sein und beim Begriff „Schnelllerner-Klasse“ bleiben. Nur wenige Bundesländer haben das System der sechsklassigen Grundschule wie in Berlin. Anderswo arbeiten die Kinder ab Klasse fünf bereits auf höherem Niveau. Will man wirklich alle Kinder in dieses System zwingen ohne Anreize für diejenigen zu schaffen, die mehr leisten können und wollen? Mit dieser Einstellung könnte sich das multikulturelle und offene Berlin bildungstechnisch schnell ins Abseits manövrieren.

Dabei denke ich nur an die Kinder…

… und schreibe aus einem Bundesland, wo die vierjährige Grundschule die Regel ist und für begabte Kinder schon oft genug einen Leidensweg aufgrund von Unterforderung bedeutet. Nicht auszudenken, wie es in einem Kind aussehen muss, das sehr intelligent und lernwillig zugleich ist und weitere zwei Jahre an der Grundschule ausharren muss. Eltern, die ihr Kind über vier Jahre unterfordert sehen, werden selbstverständlich dafür kämpfen, dass ihr Kind die schulische Förderung erhält, die es braucht und die ihm per Gesetz zusteht.

Unbestritten gibt es Eltern, die sich gerne mit einem hochbegabten Kind in der Gesellschaft profilieren wollen. Die einen lassen ihre Sprösslinge mehrfach testen, um endlich an das Etikett „Hochbegabung“ zu kommen, die anderen erklären ihr Kind einfach ohne Test als hochbegabt. Dies bringt auch diejenigen in Verruf, die tatsächlich mit dem Phänomen Hochbegabung konfrontiert sind. Deshalb sollte man hier genauer hinschauen.

Kümmern wir uns um hochbegabte Kinder, damit Hochbegabung nicht zum Schicksal wird, sondern das Kind in seiner Entwicklung voran bringt. Tun wir dies nicht, tun wir ihnen Unrecht.

Weiterführende Informationen zum Thema Begabtenförderung:

„Wir brauchen die Schlauen“ von Elsbeth Stern und Aljoscha Neubauer

* Quelle ÖZBF „Psychologische Testverfahren zur Messung intellektueller Begabung“S. 135 von Kipmann, Kohlböck, Weinguny

Meinen ausdrücklichen Dank an Frau Christine Skupsch für gedankliche Anregungen und Hilfe bei der Recherche.

Veröffentlicht von

Heike Werneburg

Studiert Soziologie, Erziehungswissenschaften und Psychologie an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz.

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