Der Hochbegabte – das Wesen aus dem All!

Ich beziehe mich auf einen Artikel im Lehrer-Blog der Süddeutschen Zeitung vom 22.01.14 „Louis kann das nicht, der ist hochbegabt“.

Catrin Kurtz beschreibt hier anschaulich wohl beispielhafte Erlebnisse aus ihrer Lehrertätigkeit, z. B. als ihr ehrgeizige Eltern die Faulheit ihres Sohnes mit einer Hochbegabung erklären. Es kann gut sein, dass es viele ambitionierte Eltern gibt, die ihr Kind als hochbegabt deklarieren wollen, um ihm so eine bessere Förderung und vor allem mehr Aufmerksamkeit zu verschaffen. Deshalb kann man dieses Thema jedoch nicht als nicht existent beiseite schieben.

Der Mythos vom Klassenprimus


Was hindert eine Lehrkraft, wird sie mit dem Thema konfrontiert, nach einem Beleg dafür zu fragen? Eine Hochbegabung lässt sich nicht an der Nasenspitze ablesen. Ohne Test kann man es schwerlich ausschließen. Hat es sich auch im Jahr 2014 noch nicht herumgesprochen, dass ein Hochbegabter nicht immer der Klassenprimus ist?

Nein. Er kann durchaus auch die faulste Socke der Klasse sein!

Ein Hochbegabter denkt schneller, sieht schneller Zusammenhänge, als Normalbegabte und kann somit in kurzer Zeit komplexe Themen erfassen und verknüpfen. Dies passiert ihm einfach und zwar schon als kleines Kind. Der Volksmund umschreibt dies gern mit „dem fliegt alles zu“. Das hat natürlich Folgen für diesen Menschen. Eine davon ist häufig, dass er nicht sonderlich fleißig ist. Einfach deshalb, weil er sich Zusammenhänge oft nicht mühsam erarbeiten muss. Er lernt nicht, wie man strukturiert auf ein Ziel hin arbeitet, dass man mit Fleiß auch etwas erreichen kann. Kurzum, der Hochbegabte ist oft sogar fauler als andere.

Die Fähigkeit zum komplexen Denken wird den Kindern vor allem in der Grundschule Schritt für Schritt abgewöhnt. Sie ist nicht erwünscht, wenn man sich den Zahlenraum bis 20 erschließen soll und man diesen Schritt mit drei Jahren bereits durch das Umstapeln der Holzklötzchen gemacht hat. Sie ist fehl am Platze, wenn man „Mimi bei Oma“ lesen soll, zu Hause aber bereits eine Serie Bücher gelesen hat. Es hat Folgen, wenn sich Kinder jahrelang, dem Tempo und Lernstand der anderen anpassen müssen.

Louis ist faul?

Etwas besser formuliert, er ist nicht motiviert. Doch sollte man sich hier nicht fragen, warum ist er nicht motiviert? Liegen ihm die Themen nicht, hat er generell kein Interesse, ist der Unterricht einfach nur öde oder ist da tatsächlich ein begabter Mensch durch stetige Unterforderung schrittweise demotiviert worden?

Ihr zweites Beispiel: Xaver, wird von den Eltern in seinem Interesse für Technik unterstützt und die Sprachen kommen zu kurz, macht sie diesen zum Vorwurf. Liegt es hier nicht eher in der Hand der Lehrkraft, den Unterricht entsprechend zu gestalten, dass auch die eher technisch interessierten Kinder ab und zu angesprochen werden? Wie sollen denn die Eltern im Alleingang mehr Interesse für Sprachen wecken? Jemanden zum kreativen Schreiben oder zu schöngeistiger Literatur zu nötigen, der nicht interessiert ist, dürfte allein relativ schwierig sein. Vlt. kann man dem Jungen mal ein entsprechendes Thema vorlegen, das ihn packt? Hier ist der Phantasie der engagierten Lehrkraft keine Grenze gesetzt.

Die Autorin führt weiterhin an, dass ein „Stempel“ hochbegabt und ein Hausierengehen der Eltern keinem Kind etwas nützt, allerdings lässt sie die Beispiele dafür vermissen. Sie schrieb doch eingangs, dass sie Louis‘ Eltern mehrfach zum Gespräch bitten musste, bis sie kamen. Wer also geht hausieren? Nützt es dem Kind etwa, wenn Eltern auch dann noch mit Informationen hinterm Berg halten, wenn es Probleme gibt?

Hochbegabte – die fernen unerreichbaren Wesen

Von einer ehemaligen Mitschülerin weiß Frau Kurtz von den Problemen Hochbegabter. Schade, dass sie hierfür kein Beispiel aus ihrem Schulalltag bringen konnte. Denn Hochbegabung ist eine feste Größe auch im Leben einer Lehrkraft. Hochbegabt sind ca. zwei Prozent der Bevölkerung. Das sind zwei von hundert Kindern, sprich in jeder zweiten Schulklasse sollte mindestens ein hochbegabtes Kind zu finden sein.

Hochbegabte sind nicht die mystischen Wesen, die keiner kennt. Sie sind direkt unter uns, leben mitunter direkt in der Nachbarschaft. Sie sind nicht nur die virtuos klavier- oder geigespielenden Achtjährigen, die man im Fernsehen sieht. Sie sind nicht immer die Klassenbesten und Einserkandidaten, sondern oft auch die, die ohne Mühe mäßig gute bis mittelmäßige Leistungen erbringen, oder auch schlechter. Hochbegabung ist ein Potenzial, kein Garant für Top-Leistungen. Um diese zu erbringen, müssen alle zum Lernen nötigen Parameter stimmen.

Deshalb hier auch ein Appell an alle Lehrer:

Informieren Sie sich genauer über das Thema Hochbegabung, denn Hochbegabte existieren. Sie brauchen Hilfe und Unterstützung wie jeder andere Schüler auch, wenn auch mit einem ganz anderen Anspruch. Doch wenn ein Hochbegabter erst einmal motiviert ist, macht es umso mehr Freude, denn man kann viel mit ihm gemeinsam entdecken.

Auf geht’s!

Veröffentlicht von

Heike Werneburg

Studiert Soziologie, Erziehungswissenschaften und Psychologie an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz.

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