Skandal Schule – macht Lernen dumm?

Eindrücke und Gedanken zur gleichnamigen TV Sendung von Richard David Precht und Gerald Hüther im ZDF am Sonntag, 02.09.2012 23:25 Uhr.

Schon beim Vorspann der Sendung konnten einem leicht die Haare zu Berge stehen, wegen der Aussage: „Kinder die heute eingeschult werden, gehen im Jahr 2070 in Rente. Wir aber überhäufen sie mit einem Wissen, das aus der Vergangenheit kommt!“

Wo soll denn bitteschön das Wissen sonst herkommen, wenn nicht aus der Vergangenheit?

In einer schummrigen Atmosphäre saßen sich Herr Precht und Prof. Hüther gegenüber,
ein philosophisches Gespräch sollte es werden. Herr Precht mit deutlich aufgeknöpftem Hemd. Sex sells, auch im ZDF. Doch an der Stelle wirkte das deplatziert. Und schon das Thema der Sendung bot Zündstoff:

„Skandal Schule – macht lernen dumm?“

Da möchte man glatt fragen: „Hat Sie das Lernen dumm gemacht?“
Während des Gesprächs gab es einen Mix aus vernünftigen Ansätzen,
z. B. dass in der Schule Begabungen und Potenziale leider eher
verkümmern, als gefördert werden, Worthülsen wie „Jedes Kind ist hochbegabt“ oder auch teils gefährliche Aussagen, die ich später anspreche.

Jedes Kind ist hochbegabt, sagt Prof. Hüther. Doch welchem Kind nützt ein Talent wie besonders einfühlsam zu sein beim Lernen? Besonders viel leisten zu wollen wird ebenfalls als Begabung angeführt.

Nein! Wenn von Begabungen die Rede ist, sollten wir von Dingen wie mathematisch logischem Denken, der Fähigkeit Verknüpfungen zwischen verschieden Sachgebieten herzustellen, Sprachbegabungen ggf. auch über musikalische oder sportliche Fähigkeiten reden. In der Grundschule liegt Begabung auf diesen Gebieten gänzlich brach. Das sind Erfahrungen die wir mit vielen Bekannten gemeinsam haben.

Wenn über eine Selbstverständlichkeit schwadroniert wird, dass zum Lernen in der Schule weitaus mehr nötig ist als nur Intelligenz, dann ist das zum einen Verschwendung von Sendezeit und steht schon fast im Widerspruch zur Bestrebung, etwas ändern zu wollen am Schulsystem. Es wird vergessen, Intelligenz ist einfach die  wertvollste Gabe zum Lernen. Die individuellen intellektuellen Begabungen der Kinder sollten Beachtung finden in der Schule.

Und nein – nicht jedes Kind ist hochbegabt. Zwei Prozent etwa sind es, die mitunter im aktuellen Schulsystem, das am Mittelmaß orientiert ist, ordentlich zu leiden haben.

Auffallend auch die Passage zum Bulimielernen, die besagt, dass die Menschen den größten Teil dessen was sie in der Schule lernen ohnehin wieder vergessen. Man muss kein Hirnforscher sein um zu wissen, ja spezielles Wissen, das später nicht weiter verwendet wird, geht langsam wieder verloren. Nur geht das Meiste nicht ganz verloren, sollte man es wieder aktivieren wollen, hat man es schneller parat, als wenn man es nie gelernt hätte und als erwachsener, reifer Mensch erst begänne zu lernen. Ich möchte mal an die Sprachen erinnern. Keiner erlernt so gut Sprachen, wie ein Kind.

Wir dürfen an der Stelle auch nicht vergessen, dass das breite Spektrum an Sachgebieten in der Schule erst Anregungen und Einblicke bietet, für welche Themen interessiert sich das Kind besonders bzw. wo hat es seine Stärken, wo liegen seine Schwächen. In der Schule soll nur der Zugang zur später folgenden weiteren Bildung gelegt werden.

Nächster Punkt, Bildung ist Ländersache. Herr Hüther betont, dass das keine gute Grundlage für Veränderungen in Deutschland ist. Das stimmt sicher. Doch dann folgt die Begründung, dass Bildung nur als Ländersache eingerichtet wurde, dass sich nicht erneut braunes Gedankengut wie ein Lauffeuer verbreiten kann.

Die Aussage des Herrn Precht: „diese Gefahr besteht ja heute nicht mehr.“ Vorsicht! Wie bitte kann man etwas Derartiges so leicht daher sagen? Deutschland ist alles andere, doch längst nicht frei von rechtsradikalem Gedankengut. Ich kann mir aktuelle Beispiele als Beleg denke ich gerne sparen.

Dann reden die Herren darüber, dass das Abitur noch mehr denn je, der
allgemeine Bildungsabschluss werden kann. Legen wir die Latte ruhig niedriger. Ermöglichen wir noch mehr Jugendlichen das Abitur zu
machen. Genannt wurde eine Zahl von 80 % Abiturienten. Hurra!

Dann müssen die Unis hergehen und Eignungstests einführen und
schon haben wir die Besten für die Universitäten aussortiert, wo ja heute nur phantasielose Versager mit Topabitur die Schulen verlassen. Ich betone nochmals, das war das Echo der Sendung (wie auch einem Interview das Prof. Hüther dem Spiegel gegeben hat) und entspringt nicht meiner Phantasie.

Ich spinne den Gedanken der Herren mal weiter. Wir servieren das Abi
demnächst auf dem Silbertablett. Die Unis haben dann einen enormen
Zulauf. Was machen die Unis dann? Dann werden künftig noch mehr Studiengebühren eingeführt und schon wird Bildung vornehmlich denen
offen stehen, die in ein vermögendes Elternhaus geboren wurden. Nur
ein Gedanke, in welche Richtung es ebenfalls gehen könnte. Reformen in der Bildung kosten nämlich Geld. Wo bitte ist hier die angestrebte Chancengleichheit?

Fazit der Sendung für mich: Es fehlen die vielen tollen, innovativen Vorschläge, die nötig sind, um das Schulsystem zu verbessern. Um festzustellen, dass Verbesserungen nötig sind, dafür muss man nicht Philosoph sein. Doch Veränderungen lassen sich nicht übers Knie brechen. Aussage Herr Prof. Hüther: „Bereits in sechs Jahren werden wir ein komplett anderes Schulsystem haben, weil wir es uns nicht leisten können, Potenzial zu verschwenden.“ Denn laut Aussage aus dem Vorspann, werden unsere Kinder von den falschen Leuten, mit den falschen Methoden und mit falschen Wissen versorgt.

Na dann mal Ärmel hochkrempeln und ran an den Speck. Bildungskonzepte überarbeiten, Lehrer überprüfen und austauschen, die Lehrer- Erzieherausbildung verbessern, mehr Lehrer gewinnen, Schulklassen verkleinern, denn bessere Qualität im Schulsystem beginnt mit kleineren Klassen. Neue Lehrpläne entwickeln und zu guter Letzt, alles noch bundesweit einheitlich. Das schafft man laut Prof. Hüther
in sechs Jahren.

Auf geht’s!

Link zur Sendung in der ZDF Mediathek

Veröffentlicht von

Heike Werneburg

Studiert Soziologie, Erziehungswissenschaften und Psychologie an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz.

Ein Gedanke zu „Skandal Schule – macht Lernen dumm?“

  1. ich kenne Herrn Hüther ja von Vorträgen und Veröffentlichungen, und möchte ihn ein Stück in Schutz nehmen: er hält Kinder nicht für „hochbegabt“, sondern für „hoch begabt“, das ist etwas anderes. Zudem macht er an vielen Stellen sehr vielfältige Vorschläge dazu, wie Schule so umgestaltet werden kann, dass sie seinen Vorstellungen entspricht.
    mein Sohn besucht eine Schule, die vieles von dem umsetzt, was Herr Hüther einfordert. Ich finde diese Art der Lernumgebung mehr als passend für ein hochbegabtes Kind. Es geht eben nicht darum, Wissen vermittelt zu bekommen, sondern darum, im eigenem Tempo Wissen und Kompetenzen zu erwerben, mit dem Lehr als Begleiter. Besser kann es ein Kind, das mit einem Wahnsinnstempo durch das Curriculum fegt, eigentlich nicht treffen.

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