Zu sozialen Defiziten hochbegabter Kinder

Ich bin froh, kein hochbegabtes Kind zu haben, denn diese haben meist soziale Defizite. Welch Elternteil eines hochbegabten Kindes hat das nicht schon einmal gehört?

Schauen wir uns ein paar Beispiele an, wie sich hochbegabte Kinder in bestimmten Situationen verhalten und warum:

  • Marie ist es von zu hause gewöhnt, die Spiele ihrer älteren Geschwister mitzuspielen. Im Kindergarten gibt es ähnliche Spiele. Doch sie sind den Kindern der großen Gruppe vorbehalten. Sie darf nicht damit spielen. Die Spiele, die ihr von den Erziehern angedacht werden, interessieren sie nicht, weil diese schon lange keine Herausforderung mehr sind. Marie reagiert enttäuscht und mit Rückzug auf die mehrfachen Zurückweisungen der Erzieher. Die Erzieher gehen davon aus, das Kind überschätzt sich und halten es für unreif, da es nicht auf die angebotenen Alternativen eingeht.
  • Lena ist sehr sensibel. Sie beobachtet viel und braucht Ruhe und Zeit für die vielfältigen Informationen, die täglich auch in der Kita auf sie einströmen. Morgens wenn sie in die Kita kommt, sind Luise und Felix gleich zur Stelle und wollen mit ihr spielen. Lena reagiert meistens erst einmal mit Ablehnung. Sie ist beschäftigt zu schauen, welches Kind überhaupt schon da ist. Sie stellt fest, Andreas hat heute eine Jacke an, die sie noch nicht kennt und der Platz von Alexander ist noch leer. Kommt der Freund noch, oder ist er krank? Frau Schmidt, die sonst nachmittags erst zum Putzen kommt, hat gerade einen frischen Strauß Blumen auf den Tisch gestellt. Wie die duften! Was das wohl für welche sind? Solche hat sie gestern erst im Garten der Nachbarin stehen gesehen. Lena geht seit vier Wochen in diese Einrichtung, kennt aber schon alle Namen der anderen Kinder, die die Kita besuchen. Da Lena Zeit braucht, sich an die morgendliche Situation zu gewöhnen und die vielen Informationen zu sortieren, die sie beim Kommen aufnimmt, möchte sie nicht gleich mit Luise und Felix spielen. Die Erzieher quittieren dieses Verhalten den Eltern gegenüber als soziales Defizit. Es sei nicht gut, wenn Lena Spielangebote anderer Kinder ablehne.
  • Lukas ist sechs Jahre alt und vor ein paar Wochen zur Schule gekommen. Er kann schon recht gut lesen und noch viel besser rechnen. Gerade beginnt er, sich für Multiplikation zu begeistern und lernt spielerisch das kleine Einmaleins. In der Schule beschäftigt sich die Klasse mit einfachen Wortbildungen und dem Erfassen von einfachen Mengen. Stellt seine Lehrerin eine Frage, kann er die sofort beantworten. Die Lehrerin weiß das inzwischen und nimmt meist ein anderes Kind dran. Lukas reagiert zunehmend ungeduldig und ruft dazwischen. Er kann es überhaupt nicht verstehen, dass die für ihn einfachen Aufgabenstellungen für andere Kinder so schwer zu lösen sind. Seine Lehrerin bestellt die Eltern zu einem Gespräch mit dem Hinweis auf mögliche soziale Probleme, wegen wiederholter Auffälligkeiten wie Ungeduld, Dazwischenreden, Zappeln und Stören des Unterrichts.
  • Mark besucht Klasse Vier der Grundschule. Mit seinen Mitschülern kommt er immer weniger gut klar. Sie sind oft albern und er kann über ihre Scherze nicht lachen. Als sie mal wieder über die Mädchen der Klasse lästern, ist ihm das unangenehm. Deshalb zieht er sich zurück.
    Wenn er im Unterricht arbeiten möchte und Phillip sein Tischnachbar mal wieder Geschichten erzählt und ihn stört, ermahnt ihn Mark. Phillip beschimpft ihn als Streber, weil Mark arbeiten möchte und gute Ergebnisse erzielt. Mark macht das traurig. Phillip hat das Sagen und er kaum noch Freunde. Die Lehrerin sagt den Eltern, Mark müsse sich mehr um Freundschaften bemühen und Kontakt zu den Klassenkameraden halten.

Hochbegabte Kinder haben nicht häufiger soziale Defizite als andere Kinder, wohl aber werden sie in ihrem Verhalten öfter falsch eingeschätzt, was zu Fehlern im Umgang mit Ihnen und weiteren Problemen führen kann.

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Das Wasserwaage-Prinzip oder warum Hochbegabte immer ein Defizit haben müssen

Veröffentlicht von

Heike Werneburg

Studiert Soziologie, Erziehungswissenschaften und Psychologie an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz.

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