Die Diagnose Hochbegabung – Reaktionen von Eltern und Erwachsenen

Wie reagieren Menschen, wenn sie von ihrer Hochbegabung erfahren, und was verändert sich danach? Wollen alle Eltern ein hochbegabtes Kind? Lohnt es sich auch für Erwachsene, mit 30, 40 oder 50 von ihrer Hochbegabung zu erfahren?

Die Idee, diesen und anderen Fragen im Rahmen meiner berufsbegleitenden Dissertation nachzugehen, entstand aus Beobachtungen in meiner beruflichen Praxis, zu denen bisher noch keine empirischen Erkenntnisse vorlagen. So stellte ich häufig fest, dass die Diagnose „Hochbegabung“ sowohl bei Kindern und deren Eltern als auch bei Erwachsenen erstaunlich positive Veränderungsprozesse in Gang setzt.

Wie in wissenschaftlichen Arbeiten üblich, gehen dabei viele spannende Informationen verloren, insbesondere das, was „zwischen den Zeilen“ steht. So gaben mir manche Erwachsene per Email Rückmeldung, sie hätten gerade ihr Ergebnis aus dem Mensatest erfahren und mit „IQ 80“ oder „IQ 110“ abgeschlossen, seien total verwirrt und enttäuscht, da sie sich doch etwas höher eingeschätzt hätten. Oder folgende Aussage: „Ich bin froh, nicht vorher gewusst zu haben, dass ich einen IQ wie Magerquark habe, sonst hätte ich mir mein Physikstudium gar nicht erst zugetraut.“

Die Information, dass nach wissenschaftlichen Erkenntnissen nur 50% aller Hochbegabten bei alleiniger Durchführung eines Gruppentests erkannt werden, die anderen 50% jedoch nicht, ermutigte den einen oder anderen, doch eine individuelle Diagnostik zu machen. Dabei werden zum Teil andere Fragen gestellt und relevante Faktoren wie Prüfungsängstlichkeit, Unsicherheit, Tagesform, Konzentration etc. berücksichtigt. Meist spiegelte das Ergebnis der interaktiven Diagnostik dann das zu erwartende Potenzial der Teilnehmer wieder.

Häufig wird von Kritikern der Hochbegabungsthematik sowie von den Medien die These aufgestellt, die Diagnose „Hochbegabung“ sei ja nur prestigeträchtig und komme insbesondere dem Wunsch narzisstischer Eltern entgegen, die sich gerne mit einem hochbegabten Kind als Statussymbol schmücken wollten.

Dieses Vorurteil trägt meiner Erfahrung nach dazu bei, dass sich manche Eltern sogar in der Beratungssituation rechtfertigen und viele sich sogar lange von einer diagnostischen Untersuchung ihres Kindes abhalten lassen, weil sie soziale Repressalien ihres Umfeldes fürchten („die Helikoptereltern, die Eislaufeltern“), sollte sich der „Verdacht“ bestätigen.

Bei der Befragung der Eltern stellte sich heraus, dass die Eltern völlig unabhängig von der Diagnose erleichtert und froh sind, wenn sie wissen, woran sie mit ihrem Kind sind. Nicht alle Eltern wollen demnach ein hochbegabtes Kind, sondern sie möchten wissen, wie sie ihr Kind einschätzen und seine Fähigkeiten und Interessen entsprechend optimal fördern können.

Aufschlussreich war die Beantwortung der Frage, warum sich Erwachsene für den Mensa-Test oder für eine Hochbegabungsdiagnostik entscheiden, könnte man doch auf den Gedanken kommen: Mit 40 ist der Zug doch längst abgefahren – was bringt mir das?

Der Wunsch nach einer realistischen Einschätzung der Intelligenz war der am häufigsten genannte Grund („ich möchte einfach wissen, wie hoch mein IQ ist“), gefolgt von Unterforderung und Langweile im Beruf („gähnende Langeweile in der Schule und jetzt im Job“). Die Suche nach Verständnis und der Wunsch nach Austausch mit Gleichgesinnten („ich möchte endlich mal jemanden treffen, der ähnlich schnell um die Ecke denkt wie ich“) war neben dem Gefühl der Andersartigkeit bzw. einem Außenseitergefühl („ich fühle mich manchmal wie ein Alien, hasse Smalltalk und geselliges Beisammensein mit Nachbarn etc.“) weitere Gründe für die Erwachsenen, am Mensa-Test teilzunehmen. Geschildert wurden auch Auffälligkeiten in der Kindheit („habe mich zu Tode gelangweilt und dann den Klassenkasper gemacht“ oder „konnte mich schwer konzentrieren, wenn ich diese langweiligen Arbeitsblätter ausfüllen musste“). Viele Erwachsene waren neugierig, weil sie selbst ein hochbegabtes Kind haben, Parallelen zwischen ihrem Kind und sich selbst entdecken und wissen wollten, welcher Elternteil für die genetische Komponente der Intelligenz des Kindes verantwortlich ist („ich war früher genauso, wollte nicht für irgendeinen Mist üben, aber immer mit Älteren spielen“).

Im Rahmen der Studie wurde erfasst, was sich für die Erwachsenen im Befragungszeitraum von 4 Wochen subjektiv verändert hat. Interessanterweise wurden fast ausschließlich positive Veränderungen berichtet, und zwar unabhängig von der Diagnose.

Die größten Veränderungen fanden innerhalb der Persönlichkeit statt. Äußerlich tat sich noch wenig, was nach nur 4 Wochen gut nachvollziehbar ist. So schilderten die Teilnehmer, sich selbst inzwischen besser zu verstehen („jetzt verstehe ich, warum ich so bin“) und zu akzeptieren („wow, ich bin ja völlig in Ordnung, so wie ich bin“). Diejenigen, die selbst ein hochbegabtes Kind haben, verstehen ihr Kind in seinen bis dahin nicht immer nachvollziehbaren Verhaltensweisen und können nun besser darauf eingehen („jetzt verstehe ich, warum mein Kind in der Schule so rumkaspert, ich war früher eigentlich genauso“). Weiterhin erzählten die Teilnehmer, schon nach 4 Wochen erheblich mehr Selbstvertrauen bekommen zu haben („ich traue mir jetzt endlich das zu, wovon ich vorher immer dachte, ich sei zu blöd dazu“) und selbstbewusster geworden zu sein („ich lasse mich nicht länger von Blendern beeindrucken“). Aus dem gestärkten Selbstvertrauen entwickelte sich bei vielen die gesteigerte Motivation, im Studium das zu ändern, was bisher wenig zufriedenstellend oder auch frustrierend war („jetzt habe ich endlich Lust, meine Ausbildung abzuschließen und danach Psychologie zu studieren, was ich mir immer gewünscht habe“). Auch in beruflicher Hinsicht führte die gesteigerte Motivation für viele Befragte zu dem Entschluss, die aktuelle Situation zu verändern („ich habe jetzt den Mut, mit meinem Chef zu reden, damit ich ein anderes Aufgabengebiet bekomme, und wenn nicht, dann könnte ich auch die Stelle wechseln“). Viele der hochbegabten Erwachsenen berichteten, die Mitgliedschaft bei Mensa beantragt zu haben und sich auf den Austausch mit Gleichgesinnten zu freuen.

Zusammenfassend wurde eine insgesamt deutlich gesteigerte Zufriedenheit der Eltern mit ihren Kindern und der Erwachsenen mit sich selbst erkennbar, und zwar unabhängig von der Diagnose. Allein das Wissen um die Fähigkeiten ihres Kindes bzw. um die eigenen intellektuellen Fähigkeiten führte bei den meisten Befragten zu dem guten Gefühl, das sich am besten mit „gesteigerte Lebenszufriedenheit“ bezeichnen lässt. Die positiven Effekte waren insbesondere bei denjenigen stark ausgeprägt, die sich vorher mit Selbstzweifeln herumgeplagt, sich selbst nicht verstanden oder in Schule und Beruf unnötig gelangweilt hatten. Zahlreiche Teilnehmer ergänzten, dass dieser positive Veränderungsprozess definitiv begonnen hat, jedoch noch längst nicht abgeschlossen ist. Noch offen ist, was sich ein oder zwei Jahre nach der Diagnose verändert hat, ob die geplanten Veränderungen umgesetzt wurden und ob der positive Effekt anhält.

Die Autorin:

Dr. Karin Joder, Diplom-Psychologin, Gesundheitswissenschaftlerin, Betriebswirtin, Coach, Lerntrainerin Centered Learning®, zurzeit in Ausbildung zur Psychotherapeutin, seit 2003 in eigener Praxis in Hamburg und Kiel tätig mit den Arbeitsschwerpunkten Hochbegabungsdiagnostik, Coaching und Clevere Lernstrategien für Erwachsene.

Bei Interesse kann die Dissertation in Buchform zum Autorenpreis von € 25,80 statt € 35,80 inkl. Versand bei mir bestellt werden. kontakt@karinjoder.de.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.