Freitag, Oktober 14, 2011 Thema Aktuelles, Die Mythen, Die Vorurteile

Alle Hochbegabten auffällig? Alle Auffälligen hochbegabt?

von die-Hochbegabung.de

Alle Hochbegabten auffällig? Alle Auffälligen hochbegabt?
Wie Klischees und häufige Irrtümer Eltern und Kinder in die Sackgasse führen können

Der Fall
Frau Schneider ist sprachlos. Kevin (Name geändert), 11 Jahre, soll gar nicht hochbegabt sein. Ganz normaler Durchschnitt, IQ 105, ausgeglichenes Begabungsprofil, alles in Ordnung, sagt der Psychologe. Für Frau Schneider ist nichts in Ordnung. Sie war sich doch sicher: Nur das kann die Lösung sein und mit der Bestätigung vom Psychologen zeig ich es den Lehrern!

Was ist passiert?
Leider ist Frau Schneider kein Einzelfall. Sie ist den gängigen Klischees über Hochbegabte aufgesessen, wollte auch gerne glauben, dass Kevins auffälliges Verhalten allein an einer Hochbegabung liegt. Dass die Noten, die er bekommt, ganz und gar nicht seinem Leistungsvermögen entsprechen. Dass er jetzt endlich eine spezielle Förderung bekommen muss. Das hatten ihr auch alle Bekannten und Verwandten bestätigt, so etwas komme doch häufig vor.

Kevin war zunächst auffällig geworden, weil er sich oft und gerne mit anderen streitet. Schnell eskaliert so ein Streit und es kommt sogar zu Handgreiflichkeiten. In der Schule, das gab er immer wieder kund, war es einfach “langweilig”. Und zu Hause hatte Frau Schneider Verständnis, dass er bei all dem Ärger nicht auch noch die langweiligen Hausaufgaben machen wollte. Die ebenfalls auffällig schlechten Noten konnten nur vom Unwillen des Lehrers herrühren – war Kevin doch so klug und wusste über so viele Dinge Bescheid. Sogar mit dem Computer kannte er sich doch schon in der zweiten Klasse aus, viel besser als sie selbst. Woher er das nur hatte!
Der Fachmann würde sagen: Frau Schneider glaubt, dass ein Fall von Underachievement vorliegt und dass die Schule dafür die Schuld trägt.

Der Hintergrund: Das Phänomen Underachievement (auch “Minderleistung” genannt) gibt es tatsächlich
Leider ist die Sache aber nicht ganz so einfach, wie es auf den ersten Blick scheint. Nicht jeder Schwach- oder Normalleister ist Underachiever. Die meisten leisten entsprechend ihrem Leistungsvermögen. Das belegen Studien, seit zu diesem Thema geforscht wird.
Schauen wir aber zunächst einmal auf diejenigen, auf die zutrifft, was hier schnell auch für andere vermutet wird. Ja, es gibt sie also wirklich, die sogenannten Underachiever, die Leistungen deutlich unter ihrem Leistungsvermögen zeigen. In der Schule werden sie vom Lehrer objektiv richtig benotet, also nach der gezeigten Leistung, und nicht nach dem evtl. im Verborgenen schlummernden Vermögen. Im Gegenteil: Viele Lehrer haben ein gewisses Gespür für das Leistungspotenzial eines Schülers. Liegt das hoch, dann wertet der Lehrer den “faulen” Schüler schnell noch eine halbe Note ab.
Für diese Schüler ist es immens wichtig, eine ihrer Begabung entsprechende Schule oder Umgebung zu finden, damit sich die Begabung auch entfalten kann. Die Gründe für Underachievement sind vielfältig und sollten unbedingt individuell diagnostiziert werden. Auf der anderen Seite: Genauso wichtig ist, dass auch diejenigen, deren Begabungsniveau wir als “ganz normal”, “nicht überdurchschnittlich” usw. diagnostizieren, die zu ihnen passende Schule und Umgebung geboten bekommen. Und das kann auch schon einmal die Realschule sein. Denn echte Überforderung führt zu Frustration, Aggression und auffälligem Verhalten.

Die Sicht vieler Eltern: Die Fünf ist der Beweis, dass mein Kind nicht richtig gefördert wird
Ja, das kann im Einzelfall so sein, doch wird die Häufigkeit, dass es so ist, deutlich überschätzt. Seriöse Studien wie die Marburger Hochbegabtenstudie stellen klar: Der minderleistende Hochbegabte ist die Ausnahme, nicht die Regel. IQ und Leistungsmerkmale sind klar positiv korreliert. Das bedeutet: Intelligentere Schüler sind besser in der Schule, haben mehr Erfolg im Beruf und sind tendenziell auch sozial kompetenter.

Was ist nun mit Kevin?
Sein Ergebnis schließt zwar eine Hochbegabung aus, ebenso aber auch eine Minderbegabung. Damit und der richtigen Einstufung in Klassenstufe und Schulform scheinen Umgebungsfaktoren richtig gesetzt zu sein. Eine gründliche Aufnahme der Umgebungsfaktoren (familiäre Situation, soziale Strukturen, Stressoren, aber ggf. auch der Ausschluss von Wahrnehmungsdefiziten usw.) im Rahmen einer Erziehungsberatung wird vermutlich schnell Handlungsempfehlungen für den Umgang mit der Situation ergeben. Die Eltern können in vielen Fällen lernen, entspannter mit der Situation umzugehen und durch ihr Verhalten zu einer Einstellungs- und Verhaltensänderung bei Kevin beizutragen. Der Schlüssel liegt dabei zumeist in der Übernahme eigener Verantwortung: Wird zunächst noch der Lehrer verantwortlich gemacht, so rückt stattdessen die eigene Steuerungsmöglichkeit ins Blickfeld. Und Kevin geht wieder gern zur Schule.

Übrigens: Warum sind Klischees in Bezug auf Hochbegabung eigentlich so weit verbreitet?Ein Erklärungsansatz hierzu ist: Wir denken gerne so, dass es für uns am bequemsten ist. Also analog zu Gedanken wie “Es reicht auch, wenn ich morgen mit dem Abnehmen beginne” oder “Das mit dem Klimawandel wird schon nicht so schlimm sein, ich fahr heute nochmal mit dem Auto statt mit dem Fahrrad” oder “Der Lehrer erkennt das Talent nur nicht, da brauchst Du gar nicht erst zu üben”.
Allzu menschliche Erklärungsmuster, die praktisch in allen Fällen in die Sackgasse führen. Aber eben nicht sofort. Und daher ist die bequeme Erklärung stets die liebste. Sollten Sie möglicherweise auch gerade in solch einer Sackgasse sitzen: Bitten Sie jemanden neutrales um seine Einschätzung. Vertrauen Sie nicht allein auf Ihre subjektive Wahrnehmung, machen Sie den ersten Schritt: Gehen Sie zu einem Psychologen, der sich auskennt. Er erkennt auch, wenn es sich um eine echten Fall von Underachievement handelt und er wird Ihnen konkrete Empfehlungen geben.

Alles Gute!
Ihr Thomas Römer

Aus der Jugendsprache:
Langweilig = uncool, nicht den Interessen entsprechend, bei Freunden nicht positiv bewertet

Hinweis: Der besseren Lesbarkeit wegen wird zumeist die männliche Form verwendet, es sind stets beide Geschlechter gemeint.

Thomas Römer ist Diplom-Psychologe in Hamburg. Er arbeitet mit hochbegabten Kindern und mit sogenannten High Potentials im beruflichen Umfeld. Kontakt: info@team-roemer.de www.team-roemer.de

Bei Abdruck bitte Belegexemplar/Link an den Autor.

Artikel Klischees 2011

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